Leserbriefe : Die freie Welt muss Tibet unterstützen

„Hilferuf aus dem Exil / Der Dalai Lama erbittet im Konflikt mit China die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft“ vom 20. März

Und wieder einmal schaut die Welt tatenlos zu, wie das chinesische Regime unbarmherzig und mit aller Härte das Begehren der Tibeter niederschlägt. Bloß keine Aufruhr vor den Olympischen Spielen. Und die Politiker und Sportfunktionäre sorgen sich um die Spiele. Ja, ist denn die Moral so weit gesunken? Aber als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, kam es sofort zum Boykott der Spiele im Jahre 1980 in Moskau. Etwas stimmt hier grundsätzlich nicht mehr.

Erio Alexander Tsuchiya,

Berlin-Dahlem

Die systematische Marginalisierung der tibetischen Bevölkerung durch massive Zuwanderung von Han nach Tibet geht einher mit unverhohlener Diskriminierung von Tibetern im Arbeits- und Wirtschaftsleben. Bis heute, da die Welt (endlich) auf Tibet schaut, sind die Tibeter nicht nur zur Minderheit im eigenen Land geworden, sondern die meisten von ihnen auch zu Bettlern. Hirten und Nomaden wird durch Zwangskollektivierung und Umsiedlung die Lebensgrundlage entzogen. Den Städtern steht nur zu wenigen Berufen der Zugang offen. Han-Bewerber werden von ihren Landsleuten protegiert. Wenn wir also Gewalt gegen die wirtschaftliche Infrastruktur im besetzten Tibet beobachten, ist dies Ausdruck der über Jahrzehnte gewachsenen Verbitterungen derer, die in der „klassenlosen Gesellschaft“ im Wirtschaftswunderreich China an den Rand gedrängt worden sind.

Wir sehen auch Mönche, die die Demonstrationszüge anführen. Die religiöse Unterdrückung, die Abwesenheit jeder Religionsfreiheit in Tibet, ist eines der schwersten Verbrechen der Gastgeber der diesjährigen Olympischen Spiele gegen ein zutiefst religiöses Volk. Die einschneidende Restriktion der Zahl von Mönchen in den Klöstern, die politischen Umerziehungskampagnen um aus den „Parasiten“ vollwertige Mitglieder der Arbeiterklasse zu machen, sind nur äußerlicher Anlass zu Protest. Verborgen bleibt dem Westen meist, dass durch das Nichtvorhandensein der erfahrenen buddhistischen Lehrer (die meisten sitzen noch in Gefängnissen oder sind bereits in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts umgekommen) und die Plünderung der Klosterbibliotheken eine jahrhundertealte Tradition und Überlieferung in ihrem Kern und Wert nahezu verloren ist und nur im Exil mühevoll am Leben erhalten werden kann.

Unser Blick darf nicht stehen bleiben bei den Bildern dieser Tage sondern muss sich weiten, für das, was in Tibet geschehen ist. Und Tibets Zukunft? Die größte Kraft der Tibeter lag und liegt in der Gewaltlosigkeit. Das klingt weltverbesserisch, fast naiv. Aber in der Tat „haben wir die Wahl“, wie es einmal ein ranghoher Vertreter der tibetischen Exilregierung ausgedrückt hat: Die Welt kann zusehen, wie auch das letzte Volk, das eine friedliche Lösung für sein tragisches Exil anstrebt, wegen der unerträglichen Situation immer mehr in Richtung Gewalt tendiert. Oder wir setzen auf ein neues Pferd: Die zu unterstützen, die wie der Dalai Lama im Geiste der Verständigung, ja der Völkerverständigung, nach gewaltlosen Wegen zur Konfliktlösung suchen.

Die Frage ist, wann ist diese Welt der Banalität der Gewalt überdrüssig? Wenn wir beobachten, wie Mönche in Birma und Tibet – diejenigen also, die in allen Kulturen moralische Vorbilder sind – den Protest anführen, muss die Antwort lauten: Jetzt.

Andreas Killmann, Berlin-Schöneberg

Ganz offensichtlich stehen bei der Ablehnung eines Olympiaboykotts wirtschaftliche Gründe im Vordergrund. Olympische Spiele sind heute doch vor allem eins: ein Riesengeschäft!

Andreas Bock, Berlin-Schöneberg

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Frau Merkel aus allen politische Richtungen und von vielen Interessenverbänden gescholten, dass Sie den Dalai Lama empfangen hatte. Man machte sich große Sorgen, wie man den außenpolitischen Schaden, den sie angerichtet hat, wiedergutmachen kann. Entschuldigungen wurden gefordert.

Und heute? Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Lhasa dokumentieren erneut die Rücksichtslosigkeit der kommunistischen Partei bei der Durchsetzung ihrer Hegemonialziele. Trotz Olympischer Spiele. Die Empörung ist einhellig, auch bei denen, die Frau Merkel damals kritisierten. Gespräche mit dem Dalai Lama werden empfohlen. Die aktuelle Situation zeigt, dass Frau Merkel mit dem Empfang des Dalai Lama richtig gehandelt hat. Denn trotz aller wirtschaftlichen Beziehungen muss immer wieder bewusst gemacht werden, dass man einen Wandel zur Demokratie nur durch eigene standhafte Haltung erreichen wird. China ist wandlungsfähig, das hat die Entwicklung der letzten 30 Jahre von einer bildungsfreien Kulturrevolution zu einer der wichtigsten Industrienationen gezeigt. Das Volk und die Gesellschaft hat sich trotz aller Rückschläge geöffnet. Eine weitere Öffnung wird kommen – aber nur, wenn die Europäer ihren Anspruch auf Demokratie auch dort standhaft verteidigen.

Siegfried Brandt, Kleinmachnow

Menschenrechtsverletzungen in China sind üblich und weltweit akzeptiert, trotz der obligatorischen Lippenbekenntnisse. Sanktionen deswegen gegen China? Nein, es folgt eine Suada über „Wandel durch Annäherung“ und Multi-Kulti-Gutmenschen-Geschwätz der übelsten Art. Bei geringfügigeren Konflikten erlebt man ganz andere Töne in Politik und Medien: Liechtenstein, da wird so richtig losgelegt, die platzen alle vor Rechtschaffenheit und Empörung!

Isabella Langer, Berlin-Zehlendorf

Unterdrückung in Tibet gibt es nicht erst seit diesen Tagen. Seit einem halben Jahrhundert dauert die Unterdrückung und Besetzung Tibets an. Vor über zehn Jahren war ich selbst in Tibet und habe noch die zerstörten Klöster und entvölkerten Dörfer gesehen. Buddhastatuen waren die Köpfe abgeschlagen oder vollständig zertrümmert. Jetzt bauen die chinesischen Unterdrücker einige exemplarische Kulturgüter wieder auf, um Touristen anzulocken und damit Geld zu scheffeln.

China ist eine große Wirtschaftsmacht, die von der sogenannten Weltgemeinschaft hofiert und sogar mit den Olympischen Spielen belohnt wird. Bei der Vergabe der Spiele in den 30er Jahren konnte man nicht einmal ahnen, zu welchen Verbrechen die Nazis fähig sein würden. Aber bei der Vergabe der Spiele nach China wusste man bereits, zu welchen Verbrechen die chinesischen Kommunisten fähig waren und fähig sind. Ein Boykott der Spiele ist das Mindeste, was die freie Welt tun kann.

Ralph Bohn, Berlin-Kreuzberg

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