Leserbriefe : Die Gesellschaft ist menschenfeindlich

„Jeder siebte Teenager ausländerfeindlich“ von Katja Reimann vom 18. März

„Die in Deutschland lebenden Ausländer sollten ihren Lebensstil besser an den der Deutschen anpassen“ – was ist denn bitteschön an einer solchen Feststellung ausländerfeindlich? Das ist doch nichts als die Forderung nach Integration und keineswegs nach Assimilation.

Es gibt in Berlin auch nur wenige Ethnien unter den vielen, die sich nicht so anpassen, wie es diese Frage impliziert, aber die darf man ja nicht nennen, weil das schon wieder ausländerfeindlich wäre. Das dauernde Beschwichtigen und Verleugnen der Probleme durch die Politik und die Medien treibt die Jugendlichen in die Wut, weil sie es täglich erleben. Auch mein Sohn verachtet inzwischen bestimmte Ausländerfraktionen, weil er in Kreuzberg, Neukölln usw. mehrmals nur dank seiner Sportlichkeit Abziehereien und dem Zusammengeschlagenwerden entkommen konnte. Merkwürdig: er fühlt sich als Inländer nirgendwo beschützt oder verteidigt.

So entstehen bleibende Eindrücke, nicht durch Sonntagsgeschwafel über Integration und die unterdrückten und abgelehnten Ausländer.

Joachim Burkart, Berlin-Frohnau

Mal wieder wird ein besorgniserregendes Umfrageergebnis veröffentlicht. Daran gibt es wahrscheinlich wenig zu deuteln, außer der Tatsache, dass circa drei Viertel der Jugendlichen gar nicht „ausländerfeindlich“ sind. Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Viel bedenklicher stimmt mich die Tatsache, dass diese Umfrage nur die Spitze des Eisbergs markiert. Anders ausgedrückt: Auf die „ausländerfeindlichen“ Jugendlichen zu schimpfen, erspart den Blick auf die Menschenfeindlichkeit der Gesellschaft insgesamt und der wirtschaftlichen und politischen „Eliten“ insbesondere. Die ist nämlich der Humus, auf dem das andere gedeiht.

Zur von mir gemeinten Menschenfeindlichkeit gehört übrigens auch eine feindselige Einstellung zu sich selbst und die ist primär! Man kann das alles wunderbar bei Erich Fromm nachlesen. Menschenfeindlichkeit sucht sich ein Objekt; und das sind mal die Juden, die Unterschicht, die Ausländer, die Politiker, die Bosse, usw. Die Objekte sind auswechselbar. Deshalb ist es engstirnig, nur auf die Juden- und Ausländerfeindlichkeit zu schauen. Die ist ein Symptom für das Problem, aber nicht das Problem selbst.

Jens G. Röhling, Berlin-Spandau

0 Kommentare

Neuester Kommentar