Leserbriefe : DIE GEWERKSCHAFTEN UND DIE REFORMEN Was ist gerecht?

Unser Leser Siegfried Kleinhans versteht nicht, warum im Osten für eine 35-Stunden-Woche gestreikt werden soll. IG-Metall-Vertreter Hasso Düvel antwortet.

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Betrifft: „Wer arbeitet schon 35 Stunden?“ im Tagesspiegel vom 5. Mai 2003

In diesen Tagen überzieht die IG Metall die neuen Bundesländer mit Warnstreiks, um auch hier die 35Stunden-Woche durchzusetzen und die „Gerechtigkeitslücke“ zu schließen. Jeder Betriebswirtschaftler weiß, wie schlecht sich das auf die Wirtschaft in den neuen Bundesländern auswirken würde, vor allem in mittleren und kleinen Betrieben. Die Großbetriebe können diesem Begehren gelassen entgegensehen, die nächste Rationalisierungsstufe wird gestartet und zehn Prozent der Belegschaft „freigestellt“.

Gerechtigkeit muss sein. Aber ist denn noch niemand auf den Gedanken gekommen, die Gerechtigkeitslücke dadurch zu schließen, dass man die tarifliche Arbeitszeit in den westlichen Bundesländern der im Osten angleicht? Da in diesen Bundesländern jeder Arbeitnehmer im Schnitt 44 Stunden arbeitet – und das mit Zustimmung des Betriebsrats –, sollte das doch kein Problem sein. Aber es ist abzusehen, dass dann die nächste Protestwelle der IG Metall anlaufen würde. Das Gerechtigkeitsgerede der IG Metall darf nicht ernst genommen werden, denn einige tausend Arbeitnehmer im Osten werden das in diesem Jahrzehnt mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bezahlen müssen. Angleichen und verteilen „von oben“ hat bisher jeder Volkswirtschaft geschadet und keinen neuen Arbeitsplatz geschaffen. Es grenzt an Zynismus, dass die IG Metall am gleichen Tag, an dem die neuen katastrophalen Arbeitslosenzahlen bekannt werden, das Besitzstandssymbol Auto für einen Demonstrationskorso einsetzt.

Siegfried Kleinhans, Berlin-Siemensstadt

Sehr geehrter Herr Kleinhans,

den Warnstreikaufrufen der IG Metall folgten diese Woche mehr als 16000 Beschäftigte in der ostdeutschen Metall-, Elektro- und Stahlindustrie. Sie alle wussten: Niemand schenkt uns was. Aber verglichen mit den westdeutschen Kollegen schenken wir unseren Arbeitgebern drei Stunden pro Woche. Aufs Jahr gerechnet ist das ein ganzer Monat. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das ein gewaltiger Vorteil für die Unternehmen. Weil die Lohnstückkosten in unseren Branchen im Osten 2000 mit denen im Westen Gleichstand erreichten und sich inzwischen der 90-Prozent-Marke nähern, haben die Betriebe heute im Durchschnitt einen Kostenvorsprung von zehn Prozent. Davon wollen wir einen gerechten Anteil. Das bringt die Betriebe nicht um, denn eine Stunde Arbeitszeitverkürzung kostet 1,4 Prozent der Lohnsumme.

Wir wollen die 35-Stunden-Woche auch nicht über Nacht einführen, sondern schrittweise – je nach Ertragslage. Was soll daran gerecht sein, die tariflichen Arbeitsbedingungen im Westen zu verschlechtern? Wollen Sie wirklich, dass die Tarifbedingungen im Westen, die die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften über viele Jahre hinweg erstritten haben und auf die sie zu Recht stolz sind, einfach vom Tisch gefegt werden?

Dass Arbeitszeitverkürzung Jobs kostet, gehört mittlerweile zu den Alltagslegenden. Wahr ist, kürzere Arbeitszeit sichert vorhandene Arbeitsplätze und schafft sogar einige neue. Im Westen waren das rund 300000. Im Osten könnten durch die 35-Stunden-Woche 15000 Arbeitsplätze gesichert oder neue geschaffen werden, weil die vorhandene knappe Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden kann. Das trägt zum Abbau der Arbeitslosigkeit bei. Die Gewerkschaftsmitglieder in den neuen Ländern haben ihren Unternehmen 13 Jahre lang wegen der tariflichen Gerechtigkeitslücke Sondergewinne beschert. Jetzt wollen sie ihren Anteil. Das ist gerecht.

Hasso Düvel, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen und Verhandlungsführer für die 35-Stunden-Woche

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