Leserbriefe : Die innere Einheit bleibt aus

„Im Kaufhaus des Ostens“

von Henryk M. Broder

Folgt man der Argumentation Broders, gibt es eigentlich nur ein Problem: Die Ostdeutschen - zumindest die, die die Linke wählen - wollen nicht einsehen, dass die DDR, die sie von innen erlebten, Teufelszeug war. Den Unterschied zur Bundesrepublik arbeitet Broder auch zweifellos schön heraus: Im Osten stand die Gleichheit im Vordergrund, im Westen die Freiheit. Und er versteht nicht, dass jene, die vor 20 Jahren die Freiheit wollten, jetzt wieder die Gleichheit bevorzugen. Das liest sich hübsch. Doch im Jahre 2009 wünschen sich mehr West- als Ostdeutsche, dass die Mauer wieder aufgebaut wird. Zufall? Nein. Solange es Broders gibt, die in einer renommierten Tageszeitung fast eine ganze Seite bekommen, um derlei Gedankengut zu zelebrieren, steht die Einheit Deutschlands nur auf dem Papier.

„Unrechtsstaat“ und „Freiheit“ ist das zentrale Begriffspaar. Dahinter stehen die Ideologie und das Selbstverständnis der Westdeutschen. Zum „Unrechtsstaat“: Das ist ein ideologischer und pauschalierender Begriff. Die Auseinandersetzungen um diesen Begriff sprechen Bände. In ihm drückt sich der ganze Unwillen des „Rechtsstaates“ aus, den Osten verstehen zu wollen. Leider funktioniert die Welt nicht so einfach, wie die Sprache es suggerieren möchte.

Was die Freiheit betrifft: Das größte Missverständnis der neueren deutschen Geschichte hat schon Christa Wolf auf den Punkt gebracht. Die Ostdeutschen wollten mehrheitlich keine Freiheit, sondern besser leben (Broder bringt sogar selbst das passende Zitat). Was ihnen im Osten verwehrt wurde, war die Freiheit, dies zu tun. So viel zum Streben nach Freiheit. Und mit der Freiheit des Westens zu prahlen, als es noch ein Sozialsystem gab, wovon wir heute nicht mal mehr zu träumen wagen, ist billig.

Dass der Maßstab eines würdevollen Lebens heute vor allem ein ausreichendes finanzielles Auskommen ist, scheint Broder nicht anzufechten. Dabei ergibt sich die aktuelle Forderung nach mehr Gleichheit aus der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre in Deutschland, nicht aus dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Die Einkommensschere geht bekanntlich immer weiter auseinander, ohne dass nachgewiesen werden könnte, dass die arbeitende Bevölkerung weniger leiste. Im Gegenteil: Die Reallöhne sinken, die Gewinne steigen. Und weil die Ostdeutschen so ein freiheitsliebendes Volk sind, ziehen immer mehr von ihnen Richtung Westen, denn da gibt es Arbeit.

Vielleicht sollte sich Broder einfach mal die Mühe machen, Ostdeutschland verstehen zu wollen, und nicht nur seiner schönen alten Bundesrepublik nachtrauern. Diese „Einheitsgeschichte“ verdeutlicht schön, wo die Defizite der ausbleibenden inneren Einheit liegen – im Unverständnis der Westdeutschen, für die sich scheinbar nichts geändert hat.

Steffen Pankau, Potsdam

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