Leserbriefe : Die Kirche im Dorf

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Zur Berichterstattung über Scientology

Berlin hat in seiner Geschichte die unterschiedlichsten Haltungen zur religiösen Toleranz erlebt. 1746 erteilte Friedrich II. die Genehmigung zum Bau einer katholischen Kirche, nachdem seit 1540 der katholische Glaube und Gottesdienst unter Strafe verboten waren. Die Große Hamburger Straße im Scheunenviertel heißt nicht umsonst Toleranzstraße, denn hier kooperierten die unterschiedlichen Religionen miteinander. In den letzten Jahrzehnten verstärkte sich der Zuzug von Bürgern aus islamischen Ländern und diese prägten so das multikulturelle Leben der Weltmetropole Berlin mit. Nun sieht sich Berlin mit der neuen Repräsentanz von Scientology in der Otto-Suhr-Allee nur scheinbar mit einer neuen Situation konfrontiert. Obwohl vieles, was die Scientologen tun, zunächst fremd erscheinen mag, so muss doch festgehalten werden, dass Scientology in den USA genau wie die evangelische oder katholische Kirche als Religion anerkannt ist. Und versinkt Schweden – das ebenfalls Scientology als gleichberechtigte Religion anerkannt hat – im Chaos, nur weil Scientologen ihre Anti-Drogen-Hefte verteilen? Auf eine neue Herausforderung sollte nicht mit Hysterie reagiert werden, sondern es sollte sorgfältig geprüft werden, wie Berlin von dieser neuen Situation profitieren kann.

Rainer Pagel, Barßel

Die Zeiten haben sich geändert, die Zeitungen leider nicht. Anlässlich der Eröffnung des neuen Gebäudes der Scientology Kirche Berlin lesen wir schon wieder denselben unbewiesenen Unsinn wie vor 30 Jahren über Scientology.

Ich bin seit 14 Jahren Scientologin, und es geht mir besser, ich fühle mich jünger und voller Tatendrang, das Leben ist einfacher geworden und ich kann anderen Menschen helfen, dasselbe zu erreichen. Vielleicht zu viel für unsere moderne, zynische Welt.

Nadja Lehmann

Berlin-Charlottenburg

Ich kann die Aufregung um Scientology nicht verstehen. Diese Sekte räubert ja nur Leute aus, die da freiwillig reingegangen sind. Die evangelische Kirche jedoch zockt auch Leute ab, die gar nicht bei ihr Mitglied sind. Mit einem simplen Trick hat sie Kirchensteuer bei mir erbeutet, obwohl ich vor 40 Jahren ausgetreten bin. So kassiert die Kirche ab: Wer sein Austrittsdokument verliert, wie ich, kann auch nach Jahrzehnten plötzlich wieder zur Kasse gebeten werden. Die Kirche ist nämlich nicht verpflichtet, den Austritt genauso sorgfältig aufzubewahren wie den Eintritt. Man stelle sich nur die Entrüstung vor, würden die Scientologen ähnlich dreist abgreifen wie unsere christlichen Kirchen!

Claus Lutterbeck, Berlin-Friedenau

Den Äußerungen von Herrn Körting – im Auftrag des Senats ? – kann ich aus eigener Erfahrung entgegenhalten: So blauäugig wie er diese Sekte und andere einschätzt, ist auch der Umgang in Berlin mit diesen. So fehlt es völlig an Aufklärungsmaterial dazu z. B. durch die Landeszentrale für politische Bildung. Die politische Jugendsekte BüSo (ein Anhängsel des LaRouche-Kults aus den USA) konnte sich ungehindert der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus stellen und kann vor Unis und Schulen für den Ausstieg aus Studium und Ausbildung werben. Und es gibt in Berlin leider junge Menschen, die darauf hereinfallen! Für mittelbar Betroffene wie mich als Mutter gibt es so gut wie keine Unterstützung und es ist sehr mühsam, überhaupt einen politisch Verantwortlichen für das Treiben dieser Sekte zu interessieren.

Maria Karpowski, Berlin-Kreuzberg

Wenn der Berliner Senat bzw. Verfassungsschutz Scientology nicht für beobachtungswürdig hält, kommt in mir der Gedanke auf, diese Scientologen könnten bereits die öffentliche Verwaltung zumindest in Teilen unterwandert haben.

Karin Palow, Berlin-Spandau

Da ist es also ein schwerer Fehler, wenn die Stadt Berlin sich der wohlbegründeten Rechtsansicht ihres Verwaltungsgerichts (VG 27 A 40.03) anschließt! Herr Beckstein mag Material für den bayerischen Ministerpräsidenten sein. Berlin kommt mit seinen Sekten, groß oder klein, entsprechend den hier geltenden Gesetzen auch so gut aus, wie die einschlägigen Statistiken zeigen. Da braucht es keine Ermahnungen aus dem Süden.

Dr. Dieter Hoffmann,

Berlin-Charlottenburg

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