Leserbriefe : DIE NEUEN BAHNTARIFE Will die Bahn Reisende bestrafen?

Unser Leser Harald Kluge kritisiert, dass die neuen Ticketpreise die kurz entschlossenen Kunden abschreckt. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn antwortet.

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Betrifft: „Ohne Staat am Zug“ im Tagesspiegel vom 10. Oktober 2002

Es ist durchaus nicht wirtschaftlich, SpontanReisenden das Reisen zu verteuern. Ein wirtschaftliches Bahnpreissystem würde die Preise dann erhöhen, wenn die Nachfrage hoch ist regelmäßig sind das Freitag und Sonntag Nachmittag. Buche ich zwei Monate im voraus, kann ich zu einem Spottpreis Freitag durch Deutschland Bahn fahren. Setze ich mich aber spontan an einem beliebigen Dienstag Mittag in den Zug, zahle ich ein kleines Vermögen.

Ein degressives Kilometer-Preissystem, dass sich an den Kosten orientiert, ergänzt um Zugschlagsstufen je nach Nachfrage (über die Auswertung verkaufter Fahrkarten oder Kundenzählungen im Zug) wäre ein faires System, dass auch auf einem wettbewerblichen Markt bestehen könnte.

Harald Kluge, Berlin-Neukölln

Lieber Herr Kluge,

das neue Preissystem der Deutschen Bahn, das ab 15. Dezember gilt, verfolgt drei Ziele: Wir schaffen den heute bestehenden Tarifdschungel ab, wir geben unseren Kunden Preissicherheit und wir werden endlich gegenüber dem Auto auch finanziell wettbewerbsfähig und holen so mehr Verkehr auf die Schiene. Ich bin der Meinung, dass Ihre Vorschläge dagegen ein erster Schritt hin zu einem neuen Tarifdschungel wären.

Sie werfen uns vor, dass wir spontanes Reisen verteuern. Das stimmt so nicht: Im Fernverkehr wird der künftige flexible Normalpreis gegenüber dem heute gültigen Grundpreis um durchschnittlich zwölf Prozent günstiger. Auf Entfernungen ab 180 Kilometern sinkt der Preis deutlich, auf langen Strecken bis zu 25 Prozent – das ergibt eine Ersparnis von bis zu 30 Euro. Wer längere Strecken fährt und auf die neuen Normalpreise seinen 25-prozentigen BahnCard-Rabatt und die Ersparnis durch den Kauf der neuen verbilligten BahnCard anrechnet und nur hin und wieder einen Plan&Spar-Preis in Anspruch nehmen kann oder einen Mitreisenden hat, fährt künftig insgesamt sicher nicht teurer. Und mit seiner Familie oder in kleinen Gruppen fährt er garantiert billiger.

Sie empfehlen uns, die Preise dann zu erhöhen, wenn die Nachfrage am größten ist. Das lehnen wir ab, weil Fahrpreise für unsere Kunden kalkulierbar bleiben müssen. Im Gegenteil: Wir bieten die Möglichkeit, mit den Plan&Spar-Preisen einen Rabatt von bis zu 40 Prozent auf den Normalpreis zu erhalten. Bereits heute kaufen rund 70 Prozent der Kunden im Fernverkehr ihre Fahrkarte im Voraus oder legen sich schon vor dem Reisetag auf eine Zugverbindung fest – allerdings ohne dabei zu sparen. In Zukunft zahlt sich das für unserer Kunden aus. Und auch deshalb ist das neue Preissystem ein faires, attraktives Angebot.

Natürlich sind die Plan&Spar-Preise immer an Kontingente gebunden, um unsere Züge gleichmäßiger auszulasten und damit den Reisekomfort für alle Reisenden zu erhöhen. Es gibt sie also, solange der Vorrat reicht. Entscheidend ist aber, dass die Bahn ihren Kunden für alle Züge und alle Strecken des Fernverkehrs Plan&Spar-Preise anbietet. Selbst auf den stark ausgelasteten Verbindungen beträgt das Kontingent an Plan&Spar-Preisen immer mindestens zehn Prozent. Für die weitaus überwiegende Zahl der Verbindungen des Fernverkehrs wird das Kontingent wesentlich höher sein.

Sie schlagen vor, ein degressives Kilometer-Preissystem einzuführen, das sich an den Kosten orientiert, ergänzt um Zuschlagsstufen je nach Nachfrage. Würden wir die Höhe des Normalpreises vom Zeitpunkt der Reise abhängig machen und Zuschläge erheben, hätten wir wieder ein undurchsichtiges System. Genau das wollen wir ja abschaffen.Hartmut Mehdorn

Vorstandsvorsitzender Deutsche Bahn AG

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