Leserbriefe : Die Paranoia der ahnungslosen Amerikaner

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Betrifft: „Warum Amerikaner Europäer nicht verstehen“ vom 25. Januar 2003

Was mir über die Einschätzung der augenblicklichen politischen Stimmungslage hinaus Sorgen bereitet, ist die Ahnungslosigkeit vieler Amerikaner hinsichtlich der kulturellen Vielfalt der übrigen Welt, die in einem doch multikulturellen Land wie den USA und angesichts der immer rasanteren weltweiten Nachrichtenübertragung im Internet um so bedenklicher erscheint. Ich führe das als promovierter Amerikanist und Medienkundler auf die geringe geopolitische und kulturelle Bildung zwar nicht an den Eliteinstituten wohl aber in der breiten amerikanischen Bevölkerung zurück. Das mag überheblich klingen angesichts der Ergebnisse der Pisastudie im Falle Deutschlands und gilt auch nicht im Vergleich der technischnaturwissenschaftlichen Fächer. Aber nach statistischen Untersuchungen lesen nur elf Prozent der Bevölkerung in den USA überhaupt eine Zeitung und das Fernsehen bietet im Gegensatz etwa zu ARD und ZDF kaum vertiefende Hintergrundinformationen und Analysen über die restliche Welt an.

Wundern Sie sich bei so geringer Informiertheit und wohl auch fehlendem Informationsbedürfnis, dass dann bei einem sicherlich grauenhaften und tiefe kollektive Verletzungen hervorrufenden Ereignis wie dem 11. September eine Nation aus lauter Ahnungslosigkeit in wilde Paranoia verfällt und nach irgendwelcher Vergeltung dürstet, obwohl der schlimme Diktator Saddam Hussein doch nicht nachweislich etwas mit den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon zu tun hatte. Ein Mitgefühl bei dem wahrscheinlichen Tod von Zehntausenden, möglicherweise Hunderttausenden von unterdrückten Irakern im Falle eines Krieges kann dann natürlich überhaupt nicht aufkommen.

Und gegen den nicht-staatlichen Terror hilft weder eine so hoch gerüstete Armee wie die amerikanische noch eine vergleichsweise schwerfällige CIA, wohl aber bessere kulturelle Kenntnisnahme der übrigen Welt – und das sind schließlich 95 Prozent der Weltbevölkerung – sowohl bei den amerikanischen Politikern und Diplomaten als auch in der breiten amerikanischen Bevölkerung, die sich dann vielleicht eine klügere Regierung wählt.

Amerika sollte die Hunderte von Milliarden für den Krieg besser in die politisch-kulturelle Bildung seiner Bevölkerung und in die Enwicklungshilfe der Dritten Welt investieren. Das Geld wäre dort besser angelegt. Das reiche Amerika gibt noch immer einen geringeren Prozentsatz seines Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe aus als beispielsweise Deutschland, welches übrigens auch mehr zahlen sollte.

Dr. Edmund Nierlich, Berlin-Lichterfelde

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