Leserbriefe : Die richtige Haltung fehlt

-

„Förderung wegreformiert – Kinder landen in der Psychiatrie“ vom 13. Juli 2006

Die beschriebenen Probleme sind jeder Anfangslehrerin leidvoll bekannt. Unglaublich aber die Aussagen von Peter Hübner! Durch zweimal 45 Minuten Anwesenheit von Sonderpädagogen pro Klasse und Woche sollen die Probleme entschärft werden? Früher waren Sonderpädagogen mit mindestens 4,5 Stunden pro Woche für jedes förderungsbedürftige Kind im Einsatz! Da es immer mehr Kinder mit besonderem Förderbedarf gibt, war für die Senatsschulverwaltung die offenbar logische Folge, die vorhandenen Mittel dann eben in kleineren Portionen auf die Kinder zu verteilen, d. h. für das einzelne Kind erheblich zu kürzen! Von wirklichen Fördermöglichkeiten kann so gar keine Rede mehr sein.

Die Lehrer sollen eine andere Haltung einnehmen? Welche denn, wenn sie eine 1. Klasse mit 28 Kindern und gerade einmal vier Teilungsstunden (wenn man Glück hat) unterrichten müssen? In so einer Klasse befinden sich nun vermehrt entwicklungsverzögerte, sprachgestörte, lernbehinderte und verhaltensauffällige Kinder, die sie alle „individuell fördern“. Ganz nebenbei sollen sie noch den hochbegabten Kindern dazu verhelfen, bereits nach einem Jahr in die 3. Klasse aufzurücken. Die Erzieherin, die ihnen theoretisch zur Seite gestellt ist, kann wegen der Sparmaßnahmen im Hortbereich nicht verlässlich in der Klasse sein. Das Ganze findet dann in einem Raum statt, der vor 25 bis 30 Jahren zum letzten Mal renoviert wurde, in dem sich die Fenster entweder nicht öffnen oder nicht richtig schließen lassen, und dessen Fußboden – nach der neuen Reinigungsnorm – „einmal pro Woche feucht und einmal pro Woche nass“ gereinigt wird. Wegen der „Feinstaubbelastung“ wurde übrigens verboten, dass Lehrer oder Schüler selbst den Besen in die Hand nehmen.

Die Lehrerin nimmt also „Haltung“ an und versucht, mit selbst gebasteltem oder selbst gekauftem Unterrichtsmaterial (Die Schule hat zu wenig Geld!) und zusammengewürfelten und „geschnorrten“ Mobiliar (Die Schule hat zu wenig Geld!) den beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden, jedes Kind, ob lernbehindert oder verhaltensauffällig, noch nicht schulreif oder hochbegabt, individuell zu fördern. Dabei nagt ständig das Gefühl, den Kindern auch bei noch so großer Anstrengung gar nicht gerecht werden zu können.

Währenddessen wird der Öffentlichkeit und damit auch den Eltern beständig erklärt, bei der Schulreform handele es sich um ein „Jahrhundertwerk“, das nun endlich zu wesentlich verbesserten Qualitätsstandards in der Schulbildung führen könne, weil alles so trefflich geregelt und ausgestattet sei. Tritt nun der angekündigte Erfolg nicht ein, woran liegt es dann? Herr Hübner weiß es: Eine andere „Lehrerhaltung“ sei notwendig! Vielen Dank!

Regina Link, Berlin-Steglitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar