Leserbriefe : Die Schoah sollte im Gedächtnis jeder aufgeklärten zivilen Gesellschaft verankert sein

„Zentralrat der Juden / Dreifacher

Umbruch“ von Bernhard Schulz

vom 21. Februar

Ich sehe mich gezwungen, zu dem oben genannten Beitrag Stellung zu nehmen. Grundsätzlich begrüße ich es, wenn deutsche Medien Interesse an der jüdischen Gemeinschaft in diesem Lande zeigen. Indessen sollten Berichterstattung und Meinungsäußerungen, wie journalistische Beiträge zu jedem anderen Thema, auf fundierter Recherche und auf Fakten beruhen.

Entgegen der in dem Beitrag enthaltenen Behauptung sind in den Gremien des Zentralrats Zuwanderer bereits seit vielen Jahren vertreten. Die trotz des gewaltigen Ausmaßes der Aufgabe vom Zentralrat und allen anderen jüdischen Einrichtungen energisch in Angriff genommene Integration der Zuwanderer ist weitgehend gelungen. Dabei ist es grundfalsch zu behaupten, die Zuwanderer seien als Belastung empfunden worden. Sie sind eine Bereicherung und tragen entscheidend zur Sicherung jüdischer Zukunft in Deutschland bei. Die Erklärung Charlotte Knoblochs, für eine weitere Amtsperiode als Zentralratspräsidentin nicht zur Verfügung zu stehen, bedeutet keineswegs, dass die Ära der Holocaust-Überlebenden zu Ende geht. Vielleicht kommt diese Behauptung einem in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft bestehenden Bedürfnis entgegen, den Holocaust gleichsam zu entsorgen. In Wirklichkeit aber ist innerhalb des Präsidiums und des Direktoriums sowie in allen anderen Gremien des Zentralrats noch eine erhebliche Anzahl von Menschen vertreten, die den nationalsozialistischen Völkermord überlebt haben.

Die Wahrnehmung der Juden in Deutschland beziehungsweise des Zentralrats als eine Mahn- und Opferinstanz geht wiederum großenteils auf eine Erwartungshaltung der nichtjüdischen Umwelt zurück, die uns in die Rolle des Moralwächters drängt. Jüngst rief nicht zuletzt Zentralratsvizepräsident Dieter Graumann jüdische Vertreter dazu auf, diese Rolle zu meiden. Der nach 1945 trotz des zurückliegenden Grauens erfolgte Aufbau jüdischen Lebens in Deutschland ist das Ergebnis eines Jahrzehnte währenden Engagements und Kampfes der jüdischen Gemeinschaft in diesem Land. Ihn als eine quasi automatische Folge der Unterstützung und Förderung durch die große Politik zu beschreiben, ist diffamierend – auch wenn die Hilfe, die wir dabei erfahren haben, von uns selbstverständlich gewürdigt wird.

Die Behauptung, Juden konkurrierten mit anderen Minderheiten um die öffentliche Wahrnehmung, ist völlig falsch. Vielmehr besteht ein enger Austausch zwischen dem Zentralrat und einer Vielzahl muslimischer Organisationen sowie anderer Minderheitenvertretungen, aber auch Gewerkschaften und Kirchen, die sich für nichtjüdische Minderheiteninteressen einsetzen. Zudem hat sich der Zentralrat mehr als einmal öffentlich an die Seite der Muslime in Deutschland gestellt, wenn diese attackiert wurden.

Das in Ihrer Zeitung skizzierte, ausschließlich vergangenheitsorientierte Bild der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland besteht lange nicht mehr. Die jüdische Zukunft hat längst begonnen. Nur haben es einige noch nicht bemerkt!

Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Berlin-Mitte

Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von Juden waren auch schon vor der Schoah Bestandteil des kollektiven jüdischen Gedächtnisses und werden es weiter bleiben. Dazu bedarf es keiner „persönlichen Erfahrung“ als Überlebender, wie Herr Schulz in seinem Artikel suggeriert. Wer von „Historisierung des Holocaust“ spricht, macht sich nicht klar, was es bedeutet, Kind oder Enkel von Überlebenden zu sein und mit den Traumata der Eltern aufgewachsen zu sein. Gerade die Schoah sollte aber auch im kollektiven Gedächtnis jeder aufgeklärten zivilen und sich den Menschenrechten verpflichtet fühlenden Gesellschaft verankert sein. Längst hat sich wieder ein pluralistisches jüdisches Leben in Deutschland entwickelt, das die in den letzten Jahren zugewanderten Juden aus den GUS-Staaten, aus Israel und aus anderen Ländern einschließt. Von Aus- und Abgrenzung kann keine Rede sein.

Zugewanderte können sich als Vertreter jüdischer Gemeinden im Zentralrat der Juden in Deutschland, einem demokratischen Gremium, durchaus für die Leitungsebene zur Wahl stellen und tun es auch. In den einzelnen Gemeinden in Deutschland sind sie bereits vielfach federführend. In Berlin sind von 21 Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde immerhin neun aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, fünf haben einen israelischen oder anderen Migrationshintergrund und nur sieben gehören zu den sogenannten Alteingesessenen, die dies auch erst in der zweiten Generation sind.

Erziehung und Bildung sind für die Jüdische Gemeinde zu Berlin ein hohes Gut und werden als wesentlich für erfolgreiche Integration angesehen. Deshalb hinterlässt das Adjektiv „wohl dotierte“ Schulen einen Beigeschmack. Die Heinz-Galinski-Schule und die Jüdische Oberschule in Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde als einer Körperschaft des öffentlichen Rechts werden nicht wie andere Schulen vom Staat vollständig finanziert. Das nach Familieneinkommen gestaffelte Schulgeld ist aufgrund der Sozialstruktur der Gemeinde gering, sodass beide Schulen aus den Haushaltsmitteln der Gemeinde zusätzlich bezuschusst werden müssen.

Der Zentralrat der Juden vertritt 107 jüdische Gemeinden mit rund 106 000 Mitgliedern. Es gibt rund 3,5 Millionen Muslime in Deutschland, davon eine Million mit deutschem Pass. Wieso der Autor meint, den „Platz“ der Juden in Deutschland von ihrem „Verhältnis zur wachsenden Minorität muslimischer Migranten“ abhängig zu machen und warum nun eine „neue Ära“ beginnen soll, bleibt seine sehr eigene Sichtweise, die wir nicht nachvollziehen können.

Lala Süsskind, Vorstandsvorsitzende, und Mirjam Marcus, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

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