Leserbriefe : Die Segregation in Berlin setzt sich fort

„Lasst das mal die Profis machen / Die Deutsche Wohnen AG will mehr kommunale Wohnungen privatisieren – und erntet Widerspruch“ von Christian Hunziker vom 15. August

Dass für die Wohnungswirtschaft, oder wie sie Herr Zahn von der Deutschen Wohnen lieber nennt „Wohnungsindustrie“, private Strukturen besser sind, ist aus seiner Sicht einleuchtend. Denn Konzerne, wie die börsennotierten Unternehmensgruppen Deutsche Wohnen oder Gagfah mit ihren vielen Verflechtungen können nach dem heutigen Mietrecht ziemlich ungebremst ihre rein auf Gewinnoptimierung ausgerichtete Geschäftsstrategie entfalten.

Und trotzdem wird pünktlich zu den Wahlen noch der Ruf nach weiteren Steuererleichterungen, weiterer Liberalisierung des Mietrechts und Einbindung ausländischer Investoren laut. Eigentlich ungeheuerlich und dreist, als sei die Privatisierungseuphorie nicht längst von der traurigen Realität eingeholt worden, die den fahrlässigen Deal von Staat und Kommunen mit Gütern der Daseinsvorsorge bloßgestellt hat.

Wie dabei eine sozialverantwortliche Stadtplanung und Wohnungspolitik auf der Strecke bleibt, können wir als Mieter in einem Stadtteil der Besserverdienenden (Zehlendorf), der komplett privatisiert wurde, bezeugen. Bezahlbarer Wohnraum für Normalverdiener und Rentner, die ihr angestammtes Umfeld nicht aufgeben wollen, ist praktisch nicht mehr vorhanden. Jede Gelegenheit zu Mieterhöhungen wird ausgereizt ohne qualitative Verbesserungen, Personal wurde massiv abgebaut, Serviceleistungen laufen jetzt über ein Callcenter, Hausmeister gibt es schon lange nicht mehr und eine outgesourcte Mietbuchhaltung verschickt automatisch erstellte Abmahnungen, oft völlig unbegründet, aber mit der Androhung sofortiger Zwangsmaßnahmen. Direkte Kontakte mit verunsicherten Mietern werden vermieden und deren Briefe nicht beantwortet.

Auch energetische Sanierungen wurden hier nur zum Nutzen von Eigentümern und dem Energiekonzern Vattenfall vorgenommen, mit großen Nachteilen für die Mieter. Allerdings wird in unserem Bezirk ausreichend neu erstellter Wohnraum für höchste Ansprüche angeboten, so dass dem gewünschten Austausch der Bestandsmieter nichts mehr im Wege steht.

Die Chancen stehen schlecht für Normalverdiener; denn auch die derzeitige Bausenatorin begleitet die immer wieder vorgetragenen Probleme seit Jahren mit dem stereotypen Satz: Der Wohnungsmarkt sei entspannt. Der fortschreitenden Segregation steht also nichts im Wege. Und noch ein Nachsatz: Wohnen gehört wie Energie, Wasser und Mobilität zu den elementaren Gütern der Daseinsvorsorge. Wenn auch hier weiterhin die Kapitalwirtschaft das Sagen behält angesichts der den Bürgern ohnehin zugemuteten Belastungen, hat der Sozialstaat ausgedient.

Barbara von Boroviczény,

Berlin-Zehlendorf

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