Leserbriefe : Die Topographie sollte bleiben, wie sie ist

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„Neubau der Topographie: Stiftung greift Bund an“ vom 4. Juli 2004

1956 werden die intakten Überreste des Gestapogeländes auf Beschluss der öffentlichen Verwaltung gesprengt und entsorgt. 1980 beginnt der Widerspruch, beginnt man, die vom Sand bedeckten Fundamente freizulegen und Erinnerung einzufordern.

Jetzt, in wenigen Monaten und fast 20 Jahre nach dem ersten Wettbewerb, sollen, wieder auf Beschluss der öffentlichen Verwaltung, die intakten und teuer erkauften Fragmente der baulich manifestierten Odyssee geschliffen werden, wieder sollen vom Sand bedeckte Fundamente freigelegt werden, diesmal nicht zur Spurensicherung, sondern zur Entsorgung der Zeugen eigenen Versagens.

Als ich 1979 nach Berlin kam, um Architekt zu werden, hat mich das simple Blechschild am Wittenbergplatz „Orte des Schreckens, die wir nicht vergessen dürfen“ beeindruckt und bewegt. Wohl wegen seiner Schlichtheit und der lapidaren Benennung der KZ und Vernichtungslager. Das Schild ist jetzt weg, war wohl nicht mehr gut genug, vielleicht haben seine Schlichtheit und Armseligkeit Anstoß erregt. Dafür bekommen wir jetzt am Pariser Platz eine vorzeigbare 5-Sterne-Gedenkstätte. Fast wäre die Topographie im globalen Gedenkstättenranking dank einer weiteren Architekturperle auf mindestens 4 Sterne hochgebootet worden. Verhindert haben das letztendlich ein mächtig selbstverliebter Architekt und ebenso mächtig abgemagerte Staatskassen.

Das Wesentliche der Topographie ist doch, dass man begonnen hat, die Überreste auszugraben, aus dem Sand der Stadt und aus dem versandeten kollektiven Gedächtnis. Peinlich wäre es, sollten eines Tages Notable mit geschwellter Brust ein Schmuckkästchen seiner Bestimmung übergeben, mit dem Gestus „Das hätten wir geschafft“. Die Topographie sollte besser nie „fertig“ werden, immer einen werdenden und fragmenthaften Charakter haben.

Rainer Seiferth, Architekt, BerlinKreuzberg

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