Leserbriefe : Die wenigsten sind zum Helden geboren

„Der Listenreiche / Vor hundert Jahren wurde Oskar Schindler geboren: Eine Studie will klären, warum jemand zum Helfer wird“ von Claudia Keller vom 28. April

Der Artikel ist wirklich ganz hervorragend geschrieben und auch gut recherchiert. Selbstredend ist es ein Drama, dass es nicht noch viel, viel mehr Menschen vom Typ des Oskar Schindler damals gegeben hat. Zweifellos war Schindler ein Held, trotz seiner sonstigen charakterlichen Fehler und Schwächen. Und damit komme ich auf eine Äußerung des Sozialpsychologen Harald Welzer in ihrem Artikel. Er spricht von der „Lebenslüge der Nachkriegszeit, dass man damals nichts gegen den Naziterror habe machen können“. Das ist sehr pauschalisierend. Es ist nun mal eine Tatsache, dass „Helden“ in jeder Gesellschaft, in jedem Volk immer relativ selten vorkommen. Es gab im „Dritten Reich“ jedoch viele Menschen aller Gesellschaftsschichten, die auf verschiedenste Weise Widerstand geleistet haben.

Nur, wir wissen ja auch nur zu gut, wo und wie sehr viele dieser zweifellos unglaublich mutigen und couragierten Leute damals gelandet sind: im Zuchthaus, im KZ, in einem Wehrmacht-Strafbatallion und auch sehr oft auf dem Schafott.

Tatsache ist, dass die Mehrheit der damaligen Deutschen mehr oder weniger völlig eingeschüchtert war. Die Leute hatten einfach Angst, sie wussten nie genau, wem sie in der Umgebung trauen konnten oder nicht. Es gab, ganz wie in der späteren DDR, überall Spitzel und Denunzianten. Und man wusste damals ganz genau, welche Folgen eine „unvorsichtige“, bzw. regimefeindliche Bemerkung haben konnte, wenn man Pech hatte. Und welcher Durchschnittsmensch bringt sich und seine nächsten Angehörigen schon gerne in Gefahr?

Zum tapferen Helden sind die allerwenigsten von uns geboren, das ist einfach so. Und besonders im täglichen Angesicht eines allgegenwärtigen Terrors.

Man darf nicht pauschal eine ganze Generation von Menschen moralisch verurteilen, das wäre sehr ungerecht.

Lothar Wiese, Berlin-Kreuzberg

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