Leserbriefe : Die Zeit war reif für Neues

„Mein 2. Juni 1967 …“ von Hermann Rudolph vom 2. Juni und von Tilman P. Fichter vom 31. Mai

Hermann Rudolphs Meinung zum Thema 2. Juni 1967 habe ich mit großem Interesse gelesen und bin über die Ausgewogenheit sehr erfreut. Wohltuend deshalb,weil sie sich von dem Artikel des Tilman Fichter deutlich abhebt.

Dort schreibt jemand,der für sich in Anspruch nimmt, alles, aber auch alles richtig zu sehen und werten zu können. Hier aber finde ich analytisches Vorgehen und Ehrlichkeit in der Bewertung des damaligen Geschehens. Ich befand mich in dieser Zeit in der Ausbildung zum Polizeikommissar. Auch wir waren politisch sehr interessiert und hatten vielerlei Kontakt zu den unterschiedlichsten politischen Strömungen. Ich habe, vor der Oper eingesetzt, das tragische Ereignis erleben müssen. So wie Hermann Rudolph werteten auch wir das mit dem Satz: Jetzt haben sie einen Märtyrer. Und das ohne jegliche Häme! Unser Dienst in der nachfolgenden „Zeit der Studentenrevolte“ wurde von „Krawallaktivisten“, äußerst linken Intellektuellen und den ihnen entsprechenden Publikationen leider nicht neutral kritisch begleitet, sonder wir wurden gleichgesetzt mit blinden Befehlsempfängern der NS-Zeit. Wir waren altersmäßig kaum auseinander, hatten die gleichen Schulen besucht und erlebten es auch, dass ein Umdenken eingesetzt hatte. Ich kann dieses aber nicht mit dem Datum des 2. Juni verbinden. Die Zeit war reif für neue Ideen und Gedanken, und in diese Zeit hinein wurden wir ausgebildet. Das „rote Jahrzehnt“ erlebte ich in unmittelbarer Berührung mit den durch nichts legitimierten „Anführern“ und war immer froh, in einer demokratischen Gesellschaft leben zu dürfen und nicht in der von denen proklamierten Welt. Ist daher der 2. Juni ein, vom tragischen Tod des Benno Ohnesorg abgesehen, denkwürdiger Tag?

Horst Hinzke, Berlin-Wittenau

Fichter wiederholt die üblichen Vorwürfe, dass man sich nach dem Kriege nicht genügend mit der jüngsten Vergangenheit auseinandergesetzt hätte. Erst die antiautoritäre Revolte hätte diese Auseinandersetzung erzwungen. Er setzt dabei voraus, dass es keine andere Reaktion gegeben hätte, als extrem links zu denken. Auf mich machten die demonstrierenden Studenten, die damals trunken die Maobibel schwenkten, nicht den Eindruck, eine intensive geistige Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte durchlitten zu haben. Dann hätten sie sicher viel differenzierter argumentiert. Wer genügend links dachte, sprach sich von jeder Schuld frei. Dabei war die Weimarer Republik doch an zu wenig Demokraten zugrunde gegangen. Es ist sicher das Recht der Jugend, extrem zu denken. Muss man aber heute noch darauf so stolz sein?

Dr. Kurt Lubasch,

Berlin-Schmargendorf

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