Leserbriefe : Diskreter Mittler zwischen Ost und West

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Betrifft: „Der Advokat, der aus der Kälte kam“ vom 14. Juni 2003

Zu den ungewöhnlichsten Persönlichkeiten der früheren DDR, die ich kennengelernt habe, zählt gewiß Wolfgang Vogel. Er war schon deshalb in keine der üblichen Kategorien einzuordnen, weil er sowohl das Vertrauen Honeckers als auch das von Helmut Schmidt und Herbert Wehner besaß. Und das nicht, weil er sich verstellte oder gar einen der Genannten täuschte. Sondern weil er seinem Staat gegenüber in einer Art und Weise loyal war, die ihm Raum ließ, auch Repräsentanten der Bundesrepublik mit Respekt, ja mit Sympathie zu begegnen. Auf dieser Grundlage hat er als Anwalt über einer Viertelmillion Menschen, darunter über 30 000 Häftlingen geholfen, die DDR zu verlassen. Zudem hat er bis zur Wende immer wieder als absolut diskreter Kontaktmann zwischen Bonn und OstBerlin fungiert.

Es ist zu begrüßen, daß der Tagesspiegel diesem Manne kürzlich eine ganze Seite gewidmet hat. Dem Autor Jürgen Schreiber ist es auf dieser Seite gelungen, nicht nur Fakten zusammenzutragen. Er hat auch eine Würdigung versucht, die Vogel gerecht wird und nichts verschweigt, auch nicht, daß er naturgemäß mit dem MfS Verbindung halten mußte. Ebensowenig aber auch, daß ein gegen ihn nach 1989 eingeleitetes Strafverfahren vor dem BGH mit seiner Rehabilitierung in allen wesentlichen Punkten endete. Nicht abschließend beantwortet ist allerdings auch bei Schreiber die Frage, was Vogel eigentlich motivierte und ihm die Kraft gab, seine Gratwanderung über Jahrzehnte hin zu absolvieren.

Sicher war es nicht nur die Chance, sich mit Hilfe seiner Honorare einen für die Verhältnisse der DDR exzeptionellen Lebensstandard zu sichern oder seinem Selbstwertgefühl Genüge zu tun. Es muß mehr gewesen sein. Vielleicht war es sein christlicher Glaube, an dem er stets festhielt oder die Freude daran, anderen helfen zu können. Aber diese Frage wird uns Vogel vielleicht eines Tages selbst beantworten.

Hans-Jochen Vogel, München

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