Leserbriefe : Drüber reden

„Worüber wir reden – Schießbefehl, Nazivergangenheit, Klimawandel: Wie Debatten die Welt nicht verändern“

von Thomas Brussig vom 16. August

Das Sommerloch, das zu füllen ist, gibt es jedes Jahr wieder, wird gefüllt mit diesem und jenem. Der Schießbefehl! Das wussten wir doch längst. Erzählte mir seinerzeit ein Arbeitskollege, der zuvor bei den DDR-Grenztruppen seinen Ehrendienst ableisten musste, dass sein Postenführer beim Absteigen vom Lkw die MP immer hart auf den Boden aufsetzte und sie damit durchlud. Das hat er dem dann nachgemacht. Kaum einer hat dem anderen vertraut in der DDR. So war unser Leben grundsätzlich geprägt. Das war so gewollt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das ist nun vorbei, Gott sei Dank.

Nun tauchen wieder Belege für den Schießbefehl auf. Sollte man darüber reden? Ich denke ja. Es gibt immer noch zu viele, die nichts darüber wissen, wie es war damals, bei uns. Es gibt immer noch zu viele, die alles abstreiten, leugnen, dass es so war für uns. Und vor den wenigen, die den Mut haben, die Wahrheit zu sagen, obwohl sie sich schuldig, mitschuldig gemacht haben, möchte ich fast meinen Hut ziehen.

Manche Dinge sind eben nun mal nicht so einfach vorbei, wenn auch die Zeit darüber hingegangen ist. Schließlich ist darüber auch unser Leben vorbeigegangen. Nicht ganz zum Glück, denn vom neuen Leben unter für uns neuen Bedingungen haben wir inzwischen ein ganzes Stück mitbekommen. Und so finde ich Thomas Brussigs Denkanstoß, Zukunftsdebatten zu führen, gut, wenn auch meine Zukunft schon abgeschrieben sein dürfte, ich das Durchschnittsverfallsdatum bereits erreicht habe. Noch bin ich ja da, lese den Tagesspiegel mit Genuss, mit Gewinn, noch ist nicht alles vorbei, auch für mich nicht.

Und man soll drüber reden, nicht nur zur Sommerzeit und um Sommerlöcher zu stopfen.

Paul Krüger, Oranienburg

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