Leserbriefe : Dutschke und der Pittiplatschweg

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„Die Berliner Fleetstreet“

vom 17. August 2006

Der Autor schreibt: „Wer die Kochstraße abschafft, ignoriert die Pressegeschichte der Stadt.“ Es geht gar nicht um die „Abschaffung“ der Kochstraße, sondern nur um die Umbenennung eines Teils dieser Straße. Zudem lässt sich das pulsierende Berliner Zeitungsviertel der zwanziger Jahre nicht auf die damals eher marginale Kochstraße beschränken. Das Berliner Zeitungsviertel erstreckte sich ausweislich einer Grafik im „Berliner Tageblatt“ vom 28. August 1932 von der Friedrichstraße im Westen bis zur Jerusalemerstraße im Osten, der Leipziger Straße im Norden und der Kochstraße im Süden. Der Ullstein-Verlag stellte mit all seinen Blättern ein frühes Monopol auf dem Zeitungssektor dar. Aber es gab ebenso den Scherl-Konzern in der Zimmerstraße und das „Berliner Tageblatt“ des Mosse-Konzerns in der Schützenstraße und eine Vielzahl weiterer Blätter, von denen heute niemand mehr spricht. Wenn Peter de Mendelssohn „das Berlin der Ullstein-Mosse-Scherl-Zeit“ so hoch lobte und den „Geist der Kochstraße“ beschwor, kann das nur darauf zurückzuführen sein, dass er als Zugereister einen etwas verzerrten Blick hatte, der zudem geprägt war von seinen Londoner Ullstein-Kontakten, die in der Tat äußerst rege waren. Im Londoner Exil waren sehr viele bedeutende Berliner Journalisten.

Es kann nichts schaden, wenn vor dem Haus, in dem der Springer-Verlag residiert, an Rudi Dutschke erinnert wird. Das ist eine gute Mahnung in Bezug auf die Entgleisungen der Springer-Redakteure der sechziger Jahre, die nach allen Erkenntnissen für die von Conrad Wiedemann zu Recht beklagten „Schüsse eines Verrückten“ die publizistische Grundlage schufen. Wenn Wiedemann für eine Rudi-Dutschke-Straße in der Nähe des „Pittiplatschweges“ plädiert, argumentiert er geschichts- und politiklos.

Jens Brüning, Berlin-Charlottenburg

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