Leserbriefe : Egal ist nicht liberal

Zu „Die Weltstadt zeigt Schnauze“

vom 19. Juli

Wir kamen vor wenigen Wochen aus Kanada zurück und konnten – wie übrigens überall in den USA, in Australien und diversen anderen Ländern – feststellen, daß dort Ordnung, Sauberkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft selbstverständlich sind. Kaum zurück in Berlin, wird man mit Müll auf den Straßen und in den Parks konfrontiert, mit Unfreundlichkeit im Umgang der Menschen untereinander (hier vor allem im Verkehr) usw. Was nutzen alle Verbote (siehe Hundehaufen oder Leinenzwang), wenn niemand die Verstöße ahndet?

Edith Janetzek und Peter Sommer,

Berlin-Charlottenburg

Leider muss ich Ihnen in den meisten Punkten zustimmen und bereits wenige Tage oder Wochen in anderen Städten, diese müssen nicht mal außerhalbs Deutschlands oder Europas liegen, lassen all die Hässlichkeiten dieser Stadt zutage treten. Die von Ihnen angesprochenen Punkte gehören zweifellos dazu. Die von Ihnen genannte Liberalität, auf die sich viele Berliner mangels besseren Wissens so viel einbilden, ist oft nicht mehr als nur Gleichgültigkeit und der Unwille oder die Unfähigkeit, auch mal notwendige Grenzen zu setzen.

Gleiches gilt für die Toleranz, die auch in Berlin nicht wirklich vorhanden ist. Bunt ist Berlin nur im nationalen Maßstab. Im Vergleich mit Städten wie London, Paris oder gar New York City wirkt es arg farblos.

Ich bin seit langem der Auffassung, dass dieses spezielle Berliner Problem an dem fehlenden Bürgertum in dieser Stadt liegt und von keiner Berliner Partei, auch nicht von den so bürgerlichen wie CDU oder FDP, wird dieses gefördert. Die meisten und erst recht die Regierungsparteien, machen Politik für überschaubare Klüngel und Interessengruppen, für die breitere Masse jedoch knapp über Hartz IV-Niveau oder darunter.

Wohin dass alles führen kann - und in Teilen wohl auch wird - kann man wieder am New York der 70iger und 80iger Jahre lernen. Wenn man es denn lernen wollte. Nur leider haben wir keine indianischen Ureinwohner, die uns anbieten, die Stadt zurückzukaufen.

Steffen Zörner,

Berlin-Rummelsburg

Als Entschuldigung für die öffentlichen Ordnungshüter muss man schon feststellen, dass oft auch die Bürger bei entsprechendem berechtigtem oder auch unberechtigtem Selbstbewusstsein in ihrem Umgangston nicht gerade sehr verbindlich sind. Eine mögliche Antwort auf die schroffe Tonlage vieler Ordnungshüter ist unter Umständen in den Haushaltsplänen des Landes Berlin zu finden. Dort sind bei jeder Haushaltplanaufstellung auf der Einnahmeseite höhere Ansätze als im Vorjahr zu verzeichnen.

Da die von den Bürgern begangenen Ordnungswidrigkeiten sicher nicht im gleichen Umfang Zuwachs erfahren wie die Haushaltansätze, ist anzunehmen, dass das Verhalten der Ordnungshüter weniger auf die Erhaltung der öffentlichen Ordnung ausgerichtet ist, als auf das Stopfen von Haushaltslöchern. Mit diesen Vorgaben kann man sicher auch Leistungsdruck erzeugen, der für die Ausübung eines Ermessens und einer freundlichen Tonlage keinen Raum lässt.

Klaus Kiesler, Berlin-Frohnau

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