Leserbriefe : Ein Abschied, der keiner war

„Abschnittsweise rationalisiert“

vom 27. Januar

Wie gut, daß man sich als noch lebender Zeitzeuge gegen unglaubliche Tatsachenverdrehungen zu Wort melden kann. In Ihrer Ausgabe schreibt Jörn Hasselmann: „Mitte der siebziger Jahre hatte der damalige Polizeipräsident Klaus Hübner mit seiner 'großen Polizeireform' den Abschied von der Polizei im Kiez eingeläutet."

Am 22. Juli 2004 hatte mich der Tagesspiegel noch in einem Interview sagen lassen: „Ich wollte nicht nur eine Reform der Strukturen. Die war nur notwendig, um aus dem Mitarbeiter einen Mitdenker zu machen: Jedem Einzelnen sein Maß an Verantwortung zuzuteilen, weil das allein die Motivation schafft.....Diese Reform ist ein Aufbruch. Wir werden nie wieder Ruhe haben, wenn wir jetzt anfangen zu denken. Aber wenn wir jetzt aufhören zu denken, ist die Reform in Gefahr."

Eine der notwendigen Strukturveränderungen war die Auflösung der noch bestehenden 112 Polizeireviere. In jedem Revier waren pro Dienstschicht drei Beamte fest eingeteilt als Wachthabender mit einem assistierenden Vertreter, der z. B. den Fernschreibverkehr überwachte und einen „Schließer" z. B. als Zellenaufsicht. Damit blieben in 24 Stunden bei vier Dienstschichten 1.344 Polizeibeamte dem Dienst auf der Straße fern. Unter anderem aus diesem Fundus konnte ich in 756 Kontaktbereichen - verteilt über die ganze Stadt - Beamte, die sich freiwillig darum bewarben, nach sorgfältiger Auswahl einsetzen. Eine engere Verbindung als zwischen den Menschen im Kiez und ihrem Kob, wie der Kontaktbereichsbeamte schnell im Volksmund genannt wurde, konnte es nicht geben. Es war übrigens einer der ersten eingesetzten Kobs, der nach der Entführung des Parlamentspräsidenten Peter Lorenz am 27. Februar 1975 wenige Stunden später in einer Tiefgarage in „seinem" Kontaktbereich in Charlottenburg den verlassenen Dienstwagen von Lorenz auffand. Wie sollte ich damit den Abschied der Polizei vom Kiez eingeläutet haben?

Der von Ihnen so genannte „Schutzmann zu Fuß" „verschwand" nicht, als ich verantwortlich war. Aber bereits der Stoiker Epiktet (50 bis 140 n. Chr.) soll gesagt haben: „Was die Menschen verwirrt, sind nicht die Tatsachen, sondern die Meinungen über die Tatsachen."

Klaus Hübner, Polizeipräsident in Berlin a.D., Berlin-Wilmersdorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben