Leserbriefe : Ein bisschen mehr Verständnis

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Polen stellt Verträge mit Deutschland

infrage vom 20. Dezember

Es ist nicht so, dass nur die polnische Regierung „das Maß verloren“ hat. In Hysterie verfielen in dieser Hinsicht grosse Teile der polnischen Gesellschaft, sogar die Opposition, die die Brüder Kaczynski normalerweise noch mehr als Frau Steinbach - das Symbol des bösen Deutschland - nicht ertragen kann.

Tatsächlich hat man hierzulande Angst, dass die tragische Geschichte des Zweiten Weltkrieges langsam vergessen sein könnte. Solche Prozesse wie die der „Preußischen Treuhand“ tragen dazu bei, dass man in der nächsten Zeit eben nur von den „Verbrechen“ der Polen lesen wird. Wird jemand noch danach fragen, warum es eigentlich zu den Vertreibungen der Deutschen kam? Warum hat Polen es letzten Endes geschafft, die Entschädigungsansprüche der polnischen Vertriebenen zu regeln? Mein Vater bekommt Ende des Jahres die lang erkämpfte Entschädigung für sein Hab und Gut im heutigen Weißrussland von der polnischen Regierung. Damit ist fuer ihn diese Geschichte abgeschlossen.

Karolina Zawadzka, Szczecin

Deutsch-polnische Probleme werden absehbar auf unserer Tagesordnung bleiben und der Bewältigung harren. So wird polnische Angst vor „Rückverteilung“ und „Rück-Umsiedlung“ durch die „Preußische Treuhand“ nachvollziehbar politisch erneut entfacht - glücklicherweise spielen die Menschen dort bislang nicht mit. Kaczynkis und viele andere Polen sind jedoch den Folgen des Hitlerismus persönlich und politisch weit mehr verhaftet als - sagen wir mal Du und ich oder Frau Merkel. Aber, man stelle sich mal vor, Erika Steinbach wäre deutsche Kanzlerin (Gott behüte).

Zu der so von Deutschland aus schürbaren und in Polen fühlbaren Angst gebe man eine Prise des von populistischem Zentralismus genährten (schwindenden?) Erfolges der PiS-Regierung in Polen und eine Prise des sich dort schneller als anderswo drehenden Personalkarrussels praktisch aller öffentlichen Ämter – und schon hat man (voraussehbare) Reaktionen wie die vom Kommentator als „pubertär“ bezeichnete. Auch ich als Nachkomme einer aus Ostpreußen und Görlitz (Zgorzelec) vertriebenen Familie möchte keinesfalls, dass die deutsch-polnischen Verträge deklamativ wieder aufgeschnürt werden, aber um ein bisschen mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen sollten wir Deutsche uns schon bemühen, sonst fallen wir vielen erwachsenen – hie wie dort – Vertriebenen (pubertierend) in den Rücken.

Prof. Dr. Rolf Baß, Berlin-Tempelhof

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