Leserbriefe : Ein Blues mit falschen Tönen

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„Der Palästina-Blues“ vom 15. 4.

Nun weiß der Leser endlich, wie es mit einem deutschen Intellektuellen bestellt ist, der in den Nahen Osten reist und den armen Palästinensern das Licht deutscher Kultur bringt: Er hat Fachliteratur dabei, bereitet sich offensichtlich nicht auf das Reiseland vor und bleibt bei seinen Beobachtungen an der Oberfläche, die dann wortreich ausgebreitet wird. Wer eine Reise mit dem Ziel Westjordanland so unbedarft antritt, muss sich nicht wundern, wenn die Einreise etwas länger dauert – und Herr Rinke, das Understatement nimmt Ihnen sicher kein Leser, keine Leserin ab, dass Sie nicht wissen, warum der Wecker wohl verstellt sein könnte. Da ist es schon enttäuschend, dass die Soldaten am Checkpoint (höhö, die kennen Goethe nicht!!!) bei einem deutschen Intellektuellen nicht so wie sonst brutal sind, natürlich auch nicht bei betrunkenen Mädchen, aber das kennt man ja von den Juden aus früheren Publikationen. Auch ansonsten bietet Ihr Reisebericht erstaunliche Neuigkeiten: Da gibt es doch offensichtlich eine Lokalsprache Hebron – ich hatte immer gedacht, dass dies der Name einer Stadt sei. Oder könnte es sein, dass Ihr Gesprächspartner den Begriff „auto scheli" mit dem Hinweis „in Hebrew" versehen hat? Neu für mich war auch Ihre Beobachtung, dass kleine, zarte jüdische Mädchen (da fehlt noch schwarzlockig/schwarzäugig) winzige Kippot auf dem Kopf tragen. Warum habe ich in all den Jahren nur Kippa tragende männliche Wesen gesehen? Erhellend wäre es sicherlich gewesen zu erfahren, warum die Postzustellung im Westjordanland so lange dauert, warum PA-Institutionen so wirkungslos sind und wo die ausländischen Subsidien versickern. Merkwürdig, dass Jericho, diese faszinierende Ansammlung um den kleinen Platz mit dem Springbrunnen, dem Treffpunkt aller gelben Taxen mit grünem Nummernschild, mit fröhlich singenden und klatschenden Mädchen in den Schulbussen, überquellenden Läden und selbstbewussten jungen Damen, von der Schule kommend, bei Ihnen auf den Krawattenkauf reduziert wird. Vielleicht passt Jericho einfach nicht in Ihr Palästinabild, weil hier nicht der Blues das Leben bestimmt? Seht her, Leute, ich aber kaufe mir hier eine Krawatte: Welch eine symbolische Handlung! Dabei hätten Sie hier die Gelegenheit gehabt, sich einem wirklichen, menschlichen Problem der Region anzunähern.

Detmar Grammel, Berlin-Kladow

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