Leserbriefe : Ein böser Schlag gegen Intellektuelle

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„Lieber Idiot sein als ein Intellektueller“ vom 3. März 2005

Stephan Schlak gelingt es, in seiner Besprechung der Diskussion im EinsteinForum so gut wie nichts über die Veranstaltung zu sagen – umso mehr jedoch über seine Ressentiments gegen die Diskutanten. Die Veranstalterin Susan Neiman bespöttelt er wegen der Vornamens-Gleichheit mit der verstorbenen Susan Sontag als „neue intellektuelle Susan“ – wie geistvoll! Bei Durs Grünbein hört er nur „kunstreligiöse Sentenzen“. Mich stellt er als „tapferes Schneiderlein“ vor – zweifellos eine höchst originelle, noch nie gehörte Anspielung –, das im Spiegel „zweimal im Jahr die politische Linie des Duz-Freundes ,Gerd’ Schröder akklamiert“ – eine freie, leicht widerlegbare Erfindung des Rezensenten – um dann zu fragen, wie es sich mit meinem intellektuellen Ethos vertrage, dass ich vom „revolutionären 68er zu Schröders Schoßhund“ geworden sei.

Stephan Schlak war im Publikum, er hätte mir seine liebenswürdige Frage stellen können, und er hätte dazu etwas von mir zu hören bekommen. Dazu war er zu feige, lieber verlegt er sich aufs nachträgliche Denunzieren in Gestalt einer „Besprechung“.

Wieso ist es einem Intellektuellen eigentlich verboten, eine Regierung in einem Punkt zu unterstützen, in dem er ihre Meinung teilt? Muss er in diesem Fall das Gegenteil von dem sagen, was er denkt, um seinen standesgemäßen Ekel vor der Macht und sein „intellektuelles Ethos“ zu beweisen? Über den „Reformstau“ in Deutschland habe ich im Spiegel und im Tagesspiegel geschrieben, als Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat noch gar nicht im Gespräch war.

Aber über solche Fragen und Bedenken ist ein echter Großstadtintellektueller wie Stephan Schlak, der über das „provinzielle“ Gerede „deutscher Geistmenschen“ nur die Nase rümpfen kann, selbstverständlich erhaben.

Peter Schneider, Berlin-Charlottenburg

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