Leserbriefe : Ein Finanzsenator sollte rechnen können

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Betrifft: „Nur die relevanten Fächer fördern“ im Tagesspiegel vom 12. Mai 2003

Sehr geehrter Herr Senator Sarrazin! Ihre Aussagen im Interview zeugen leider, bezogen auf die TU und die Technik und Naturwissenschaften, von einer blamablen Unkenntnis (oder Ignoranz) sowohl der Zahlen, die TU betreffend, als auch von den Bedingungen moderner Technik- und Ingenieurwissenschaften. 1. Die „Kosten der Lehre“ pro TU-Absolvent liegen im Vergleich zwischen TU und anderen großen Technischen Universitäten im unteren Drittel. Ein Finanzsenator sollte rechnen können und sollte sich, wenn er im Interview mit falschen Zahlen erwischt wird, wenigstens korrigieren. Das haben zu den meisten Punkten die drei Uni-Präsidenten für ihn tun müssen. 2. Ein Finanzsenator sollte aber auch nicht als Bildungsplaner auftreten. Bei Ihrem Ansatz („relevante Fächer“) würde ich empfehlen, die inzwischen arbeitslosen DDR-Plankommissare zu reaktivieren, um die unbotmäßig und im Sinne des Staates offenbar falsch ihre Fächer wählenden Studienanfänger in die richtigen Bahnen zu lenken. 3. Aber auch Ihre Kriterien zeugen davon, dass Sie nicht wissen, wie eine moderne Ingenieurausbildung aussieht: Das Dividieren des Etats durch die Absolventenzahlen unterschlägt, dass darin auch die Kosten für die hauseigene Forschung enthalten sind, und die Kosten, die die TU vorhalten muss, um Drittmittelprojekte durchführen zu können. Auch der dümmliche Vergleich mit den Fachhochschulen („kostet nur die Hälfte“) zeigt Ihre Unkenntnis: Die machen nämlich fast ausschließlich Lehre und promovieren nicht. Schließlich, Herr Senator: Über Ihre Aktivitäten, z.B. die 300 Millionen jährlich für die Bankgesellschaft bzw. die 23 Milliarden Risiko aus den Fonds dieser ehrenwerten Gesellschaft abzuwenden, ist in der Presse weitaus weniger zu lesen als über Ihre Attacken auf die Hochschulen. Vielleicht versuchen Sie doch mal mit der Justizsenatorin, das Geld dort zu holen, wo es in den letzten zehn Jahren hingewirtschaftet wurde.

Dr. Wolfgang Neef, TU Berlin

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