Leserbriefe : Ein Lehrer ist immer auch mit dem Herzen dabei

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Betrifft: „Mehrarbeit für Lehrer ist nicht das zentrale Problem“ in der Tagesspiegelausgabe vom 27. November 2002

Die beschlossene Mehrarbeit für Lehrer ist im Vergleich zum restlichen öffentlichen Dienst hochgradig ungerecht und stellt unter Missachtung der über den reinen Unterricht hinausgehenden Arbeiten eine überproportionale Belastung dar. Diese wird sich ganz wesentlich auf den Lebensraum Schule auswirken. Schule lebt und wirkt im Gegensatz zur Universität vom außerunterrichtlichen und erzieherischen Engagement und ein stückweit vom Idealismus der Lehrkräfte. Es wäre redlich, in der Öffentlichkeit dies anzuerkennen und den hohen Prozentsatz der engagiert arbeitenden Lehrkräfte hervorzuheben, als den Eindruck zu erwecken, ein kleiner Prozentsatz würde den ganzen Berufsstand prägen.

Der geforderten Professionalisierung des Lehrerberufs ist nur bedingt zuzustimmen. Wenn mit Professionalität die in der Universität praktizierte Distanz und fehlende Zuwendung für den Einzelnen gemeint ist, dann möge die Schule von solchen Gedanken verschont bleiben. Dem an Schule Interessierten dürfte mehr an einem nicht in Routine erstarrten Lehrer gelegen sein. Wenn hier die mangelnde Routinefähigkeit der Lehrkräfte beklagt wird, dann ist das für die Berliner Lehrer ein großes Lob. Ein guter Lehrer ist in der erzieherischen, betreuenden und beratenden Tätigkeit, aber auch im Unterricht, immer auch mit dem Herzen dabei. Das ist fester Bestandteil der Aufgabenbeschreibung und des Selbstverständnisses der Lehrkräfte und mit der geforderten Routine und Distanz nicht vereinbar.

Die Behauptung, dass nicht immer nur die richtigen Menschen den Lehrerberuf ergreifen, mag zwar richtig sein, ist aber nicht lehrerspezifisch und gilt für andere Berufsgruppen, auch Professoren, gleichermaßen.

Der den Schulleitern gegebene Rat, sich an großen Firmen zu orientieren, überzeugt nur zum Teil. Sowohl die „Produktpalette“ als auch die „Unternehmensstrategie“ einer Schule unterscheiden sich zu sehr von am Gewinn ausgerichteten Unternehmen. Leitlinien der Personalauswahl, der Personalführung und der Qualitätssicherung sind sehr wohl übernehmbar. Allerdings setzt dies voraus, dass die politisch Verantwortlichen den Schulleiter nicht weiterhin als einen Lehrer ansehen, der nebenbei die Schule leitet, sondern ihn als Dienstvorgesetzten gesetzlich festschreiben, der zwar aus der pädagogischen Laufbahn entstammt und mit einigen Stunden im Unterrichtsprozess verankert bleibt, aber in erster Linie Leiter einer Behörde ist. Hier ist in der Tat dringender Handlungsbedarf.

Harald Mier (Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin)

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