Leserbriefe : Eine Frage des Blickwinkels

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„Relativ demokratisch“

von Dietmar Staffelt vom 6. Dezember

Zum Thema „Offene Rechnungen zwischen SPD einerseits und KPD/SED/PDS andererseits“ ist es mitunter hilfreich, einen Blick auf die Anfangszeit des „Bruderzwists“ zu werfen. Es gibt die Aufzeichnungen des Leipziger SPD-Funktionärs Albert Konzowski, der sich an eine Äußerung von SPD-Chef Friedrich Ebert im Januar 1919 erinnert: „Albert – noch zwei Siege wie die über Liebknecht und Luxemburg und wir haben gewonnen.“

Gemeint war der Mord an den beiden Revolutionären, die zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Wochen lang Mitglied der KPD, aber zuvor ein ganzes politisches Leben lang Sozialdemokraten waren. Bezeichnenderweise hat im Traditionsverständnis der SPD Ebert einen höheren Stellenwert als Luxemburg und Liebknecht. Und komme bitte keiner mit der Behauptung, damals sei Deutschland vor dem bolschewistischen Chaos gerettet worden. Dass gerade Rosa Luxemburg nichts mit einem Sozialismus nach russischen Vorbild „am Hut hatte“, sollte man nicht immer nur dann betonen, wenn es um das fragwürdige Demokratieverständnis der SED geht. Der Vorwurf stimmt auch deshalb nicht, weil die Masse der revolutionären Arbeiter damals sozialdemokratisch und nicht kommunistisch gesinnt war.

Staffelts Urteil, wonach die PDS/Linkspartei „relativ demokratisch“ ist, mag stimmen, aber die SPD ist, wie immer in dieser Hinsicht, auch nur „relativ kritisch“.

Olaf Stephan,

Berlin-Altglienicke

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