Leserbriefe : Eine Welt, in der nichts sicher scheint

Zur Berichterstattung über den Amoklauf.



Solange unsere Gesellschaft und die Vertreter des Volkes unseren Kindern Heuchelei vorleben, sehe ich keine Chance, das Problem in den Griff zu bekommen. Da muss ich lachen über Unterrichtsinhalte wie „Deeskalationsstrategien, Anti-Gewalt-Programme, etc.“ ... Da lacht auch ein aufmerksamer und sensibler Schüler nur, wenn er sieht, wie die deutsche Regierung ca. 5000 Bundesbürger in Kampfanzüge steckt und mit Maschinengewehren in die Welt hinaus schickt, um ihr Unwesen zu treiben und den Verfassungsgrundsatz zu verwirklichen: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“. Hier wird unseren Schülern gezeigt, dass den Mächtigen der Welt immer noch das Recht zugesprochen bleibt, Konflikte in erster Linie mit Gewalt zu lösen. Genau so hat sich der 17-Jährige im Soldaten-Outfit verhalten.

Manuel W. Decker, Wannweil

Ohne Killerspiele kein Schulamok?! Selbstverständlich kann nicht von einer kausalen Relation gesprochen werden. Millionen Jugendliche trainieren tagtäglich den virtuellen Massenmord und laufen in der Realität nicht Amok. Sehr wohl aber geht es um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für eine solche Tat durch derartigen Medienkonsum. Denn Menschen lernen durch Nachahmung, ob sie nun virtuell oder real stattfindet. Es sollte zu denken geben, dass Schulamok in der jetzigen Form vor der Einführung von Killerspielen nicht existierte. Die Wahrscheinlichkeit für die Durchführung eines Amoklaufs nimmt zu, wenn Killerspiele häufig und exzessiv gespielt werden, es keine ausgleichenden Bedingungen wie intensive soziale Kontakte und eine gute soziale Integration gibt, es zu einer krisenhaften Zuspitzung der Lebenssituation kommt (Liebeskummer, Kränkungen, Missachtungs- und Misserfolgs-Erlebnisse), mit denen massive Schamgefühle einhergehen. (Erst aufgrund gestörter Bedingungen kommt es zu einer zumindest zeitweilig gestörten Persönlichkeitsstruktur. Aus diesem Grunde ist es eine kurzschlüssige Folgerung, dass Täter immer persönlichkeitsgestört sein müssen.)

Klaus Mücke, Dipl.-Psych., Potsdam

Der Amoklauf eines Schülers in Winnenden ist das dritte Massaker eines ehemaligen Schülers in wenigen Jahren in Deutschland. Eine der Ursachen dieser Taten ist die zunehmende Vereinsamung gerade junger Menschen. Auf Einzelschicksale wird keine Rücksicht mehr in Schule und Beruf genommen. Jeder muss funktionieren, Erfolg haben und viel Geld verdienen. Wer aus diesem Kreislauf ausbricht, wird zum Außenseiter stigmatisiert. Auch die virtuelle Welt des Internets wird für immer mehr Menschen zu einem scheinbaren Zuhause und zu einer digitalen Scheinwelt, in der sie all das angeblich finden, was ihnen im realen Leben verloren geht: Zuneigung, zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Kontakte und das Gespräch, wenn es mal Probleme gibt.

Albert Alten, Wernigerode

Die Betroffenheit und Bestürzung unserer höchsten politischen Repräsentanten ist groß. Das war sie auch 2002 (Erfurt) und 2005 (Emsdetten) und das wird sie auch sein, wenn der vierte Amoklauf stattfinden wird. Deutschland ist Weltspitze in Sachen Schüler-Amokläufe und das wird sich nicht ändern, wenn nicht endlich die Schulstrukturen geändert und sehr viel Geld in Bildung investiert wird. 2002 lagen die Ausgaben für Bildung unter dem OECD-Durchschnitt und das tun sie heute immer noch, aber Deutschland reklamiert für sich einen Spitzenplatz, weil nur so die Zukunft gemeistert werden kann. Grotesk! Seit Jahren zeigen Bildungsexperten, dass Klassenfrequenzen verkleinert, die Unterrichtsverpflichtung der Lehrkräfte reduziert, Sozialpädagogen und Schulpsychologen eingestellt, die Öffnung der Schule betrieben und Ganztagesbetrieb eingeführt werden muss. Aber es passiert nichts. Ein großer Ruck ist fällig! Der Bund muss viel Geld in die Hand nehmen und die Bildungskompetenz an sich reißen, sonst wird weiter Frust an der Schule den Ton angeben und nicht Interesse und Freude beim Lehren und Lernen.

Jürgen Clausen, Berlin-Friedenau

Aller schlechten Dinge sind drei. Nach Erfurt und Emsdetten der Amoklauf von Winnenden. Was wir jetzt am wenigsten gebrauchen können, sind Endlosdiskussionen unserer Politiker. Klare Entscheidungen müssen her: mehr Prävention, mehr Psychologen und einen bewaffneten Sicherheitsdienst an Schulen bei gleichzeitiger Entwaffnung der örtlichen Schützenvereine. Hierzu fällt mir der Songtext der Gruppe Silbermond ein: „Gib mir’n kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt. Auch wenn die Welt den Verstand verliert, das Hier bleibt unberührt.“ Damit hat „Silbermond“ das Gefühl unserer Zeit getroffen. Denn gerade in Zeiten der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise der deutschen Nachkriegsgeschichte sehnen wir uns alle nach „ein bisschen Sicherheit“.

Roland Klose, Bad Fredeburg

Eine Statistik des internationalen Anti-Kleinwaffennetzwerks IANSA weist für Deutschland 1,2 Todesopfer pro 100 Einwohner durch Missbrauch von Schusswaffen auf. Zum Vergleich: In Großbritannien, das nach dem Schulmassaker von Dunblane im Jahr 1996 privaten Besitz von Handfeuerwaffen, also vor allem Pistolen, weitgehend verboten hat, beträgt der Wert nur 0,3. Pistolen gelten als besonders gefährlich, da sie unauffällig zu tragen und leicht zu bedienen sind. Tim K. benutzte ebenso wie alle deutschen Amokläufer der letzten Jahre genau eine solche Waffe.

Robert Lindner,

Berlin-Friedrichshagen

Sie haben es wieder geschafft: Auf allen Titelseiten, in allen Fernsehsendern, das Internet informiert in „Realtime“ ... Und wir, was tun wir? Wir kaufen diese Zeitungen, schalten den Fernseher ein, klicken uns in die „Live-Web-Cam“ und schauen zu ... Wir sind entsetzt und fragen uns, wie konnte so etwas wieder geschehen? War es nicht das Ziel der nun toten Amokläufer, Aufmerksamkeit und „Fame“ zu erlangen? Und was haben sie nun bekommen?

Thorsten Niemann,

Berlin-Wilmerdorf

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