Leserbriefe : ELITE-HOCHSCHULEN Bildung nur noch für Gutbetuchte?

Unser Leser Wolfgang Schuchardt hat Angst vor einem bildungspolitischen Kahlschlag. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Kraft aber freut sich auf Spitzen-Unis

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Betrifft: „Der Streit um Elite-Universitäten“ vom 9. Januar 2004

Elite-Universitäten kann ich nicht verordnen bzw. aus dem Boden stampfen. Sie sind immer das Ergebnis eines langen wissenschaftlichen und materiellen Prozesses mit traumhafter eigenständiger finanzieller Ausstattung. Wo soll denn das Geld herkommen? Es wird uns doch jeden Tag erzählt, es sei kein Geld mehr da! Grundvoraussetzung ist eine extreme Anhebung der Finanzen.

Nur eine „Hierarchisierung“ der deutschen Uni-Landschaft wäre Schwindel. Allerdings wären wirkliche Elite-Unis nach amerikanischem Vorbild nur für gut betuchte Kreise erschwinglich. Eine finanzielle Konzentration auf Elite-Unis zu Lasten der übrigen Unis wäre aus meiner Sicht völlig falsch. Stattdessen sollten die schöpferische Breite unseres Hochschulwesens ausgebaut, vor allem die Dreigliedrigkeit im deutschen Schulwesen aufgehoben und die fortschreitende soziale Selektion beseitigt werden.

Von Elite-Unis profitieren aufgrund einer scharfen sozialen Selektion vor allem die Kinder der besseren und reichen Kreise, die sich ja selber als „Elite“ begreifen und für ihren eigenen Nachwuchs gute Studienbedingungen auf Kosten der restlichen Bevölkerung wollen.

Das will ich aber nicht. Ich will gleiche Chancen für alle!

Dass die SPD dieses Ziel offensichtlich aufgegeben hat, ist geradezu entlarvend. Sie schreibt somit nach dem Sozialkahlschlag einen Teil der Bevölkerung nun auch bildungspolitisch völlig ab.

Wolfgang Schuchardt, Berlin-Steglitz

Sehr geehrter Herr Schuchardt,

Sie haben Recht, dass Exzellenz nicht per Knopfdruck erzeugt werden kann. Auch Harvard war bei seiner Gründung vor fast 370 Jahren nicht gleich Weltspitze. Wir dürfen aber die überfällige Diskussion über Bildung und Innovation in Deutschland nicht allein auf eine Frage des Geldes reduzieren. Dann springen wir viel zu kurz. Wir brauchen auch ein neues Klima an unseren Unis: Junge Forscher früher und freier forschen lassen, weniger Hierarchien, mehr Eigenverantwortung, mehr Wettbewerb, Teamarbeit, ein neues Verhältnis zwischen Studierenden und Professoren, deren Türen den Studenten offen stehen . . .

Das macht nämlich auch den „Spirit“ amerikanischer Spitzenuniversitäten aus. Nicht nur das Geld. Doch wir sollten uns von dem Glanz Harvards nicht allzu sehr blenden lassen. In der Breite braucht unsere Hochschulausbildung keinen US-Vergleich zu scheuen - im Gegenteil. Hier ist Selbstbewusstsein gefragt: Bei der Qualität unserer akademischen Ausbildung sind wir in der Breite besser. Und Spitze braucht Breite. Wir müssen auch nicht mit der Wünschelrute rumlaufen, um Spitzenleistungen in Forschung und Lehre in Deutschland zu finden. Wir haben Exzellenz, auch internationale Spitzenklasse. Doch es fehlt noch ein Stück, um den Sprung aufs Meistertreppchen zu schaffen. Ich halte es für notwendig, dass Deutschland den Ehrgeiz hat, diese Lücke zu füllen.

Diese Spitzenförderung darf aber nicht zu Lasten der Hochschulförderung insgesamt gehen. Nun gilt es also zu diskutieren, was es uns zusätzlich wert ist, auf der bestehenden Basis Top-Universitäten zu etablieren. Hierbei müssen wir konsequent auf Nachwuchsförderung setzen. NRW hat 2001 an sechs Universitäten international ausgerichtete „Graduate Schools“ eingerichtet, an denen Nachwuchsforscher in kleinen Gruppen unter optimalen Bedingungen zur Promotion gebracht werden. Ziel ist, in ausgewählten Fächern Zentren von Weltruf für die Förderung von Spitzennachwuchsforschern zu etablieren. Das muss weiter ausgebaut werden. Im Übrigen sind die US-Eliteuniversitäten auch nicht auf allen Feldern Spitze. Doch der Name macht es: Stanford, Berkeley, Yale. Vor allem bei der Vermarktung der eigenen Leistungen können wir noch viel lernen. Klappern gehört zum Handwerk. Was für einen US-Professor Alltag ist, dafür darf sich ein deutscher Professor nicht zu fein sein.

Ein Letztes: Nur ein kluger Kopf schafft Exzellenz, nicht die dicke Brieftasche der Eltern. Und kluge Köpfe gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten. Ich will nicht nur gleiche Chancen für alle, Herr Schuchardt. Ich will mehr Chancen für alle.

Hannelore Kraft (SPD) ist NRW-Wissenschaftsministerin.

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