Leserbriefe : Entzweite Freunde

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Betrifft: „Der Fall Biermann“ vom 9. September 2003

Vielleicht wäre es ja aus heutiger Sicht honorig gewesen, Biermann, den Propagandisten der Bomben auf Belgrad, Kabul und Bagdad, damals an die Stasi verraten zu haben. Nur können weder die Akte zu Wallraff noch mir dazu dienen, wie Knabe glauben machen will. Wie soll die Stasi mich auf „Vermittlung von Wallraff“ als Manager Biermanns eingeplant haben, wenn sie erst Monate nach dem Vertrag davon erfährt?

Warum gibt es in meiner gesamten Akte keinen Hinweis auf mein Wissen, als IM geführt zu werden? Warum führt Knabe als einzigen „Geheimnisverrat“ aus meiner Akte das Zitat an, „Biermann ist mitunter hysterisch“? Warum schließt die Stasi meine Akte frustriert, stempelt mich schon wenige Wochen nach dem Managementvertrag zum Staatsfeind und legt mich in die Einreisefahndung der DDROrgane – und zwar wegen meiner Haltung pro Biermann und Bahro? Und warum flüchtet sich Knabe, als er in meiner Akte nicht fündig wird, in eine ganz andere: „…im April 1977 berichtet Dehms Ehefrau…“? Die Genannte wurde erst 16 Jahre später meine Ehefrau.

Vor allem: Warum soll, wie Knabe behauptet, die Stasi Dehm und Wallraff aufgetragen haben, Biermann von Äußerungen gegen die DDR abzuhalten und sich „dem Klassenkampf zuzuwenden“? Hatten nicht Mielke und Honecker die widerwärtige Ausbürgerung damit begründet, Biermann sei Feind der DDR, Knecht der Reaktion und der Kriegstreiber? Und nun sollte die Stasi die offizielle Propaganda-Linie der DDR-Führung öffentlich blamieren? Tatsächlich hat Wallraff niemals etwas gegen Biermann unternommen. Und ich habe ihn elf Jahre ohne jegliche Stasi-Inspiration anständig gemanagt. Es ist heute Biermann, der die Ausbürgerer posthum zu legitimieren sucht.

Diether Dehm, Berlin-Mitte

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