Leserbriefe : Ersatz für die Todesstrafe?

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Betrifft: Die Leserbriefe zum GäfgenInterview vom 10. August 2003

Gäfgen hat ein schreckliches, nicht wieder gut zu machendes Verbrechen begangen. Dafür ist er nach den Regeln des Rechtsstaats zu der höchsten möglichen Strafe verurteilt worden. Dass er darüber hinaus über Monate hinweg der Medienöffentlichkeit ausgesetzt war, die ihn – das sieht er schon ganz richtig – zum Monster gestempelt hat, ist unvermeidbarer Bestandteil eines solchen Prozesses und in der Wirkung auf den Verurteilten nicht zu unterschätzen. Indes: All das sind die Folgen seines eigenen Tuns.

Es ist dem Tagesspiegel daher hoch anzurechnen, sich dem Thema auch von einer anderen Seite annähern zu wollen. Das Interview mit Gäfgen ändert nichts an der Beurteilung seiner Tat, eröffnet aber die Chance, mehr über diesen Menschen und seine Situation zu erfahren, als bisher bekannt war. Schockierend ist die Ansicht der publizierten Leserbriefe, in denen Gäfgen über die Strafe hinaus auch das Recht zur Artikulation abgesprochen wird. Eine eigene Meinung darf er offensichtlich nicht mehr haben. Dies ist – da die Todesstrafe in Deutschland abgeschafft ist – eine Art Todesstrafenersatz: Die Stimme des Verurteilten soll für immer verstummen. Christian Luther, Berlin-Wedding

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