Leserbriefe : Falsche Kampfbegriffe

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„Wut, Hoffnung und Ideologie"

vom 7.11.06

Die Beurteilungen einiger „Bildungsexperten“ haben mich sehr erstaunt. Ich stimme Herrn Seiring voll zu, dass das Wort Gemeinschaftsschule (GS) zum Kampfbegriff in der ideologischen und parteipolitischen Auseinandersetzung verkommen ist. Es gleichzusetzen mit dem Begriff Einheitsschule der Ex-DDR ist sehr problematisch, da hierdurch suggeriert wird, in der GS finde sozialistische Erziehung sowie eine Leistungsnivellierung statt und alle Schüler müssten das Gleiche lernen.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Die GS ist eine integrative Schule, in der offenes, flexibles, differenziertes und individualisiertes Lernen geplant ist und vielfach schon stattfindet. Sie hat auch nichts gemeinsam mit dem Fachleistungskurssystem der früheren Gesamtschule. Die GS als antileistungsorientiert zu bezeichnen, wird wider besseres Wissen behauptet. Nicht nur skandinavische Schulen, auch eine Vielzahl von deutschen, reformorientierten Gesamtschulen haben bei Pisa sehr gut abgeschnitten. Entscheidend ist dabei die Unterrichtsorganisation der jeweiligen Schule. Gemeinsames Lernen, wie es auch von der OECD unterstützt wird, überwindet nicht nur die mit der Selektionsstruktur unseres viergliedrigen Schulsystems verbundene soziale Benachteiligung, es entspricht auch dem modernen Verständnis von Lernen sowie der Erfahrung, dass Kinder in erster Linie durch Beobachtung und Nachahmung lernen und deshalb vielfältige Lernanreize und Entwicklungsimpulse brauchen. In einer Schule der Vielfalt sind diese gegenüber vermeintlich homogenen Lerngruppen am ehesten gegeben.

Deshalb hat auch Schleswig-Holstein als erstes Bundesland vor einigen Wochen die GS als 13-jährige Regelschule im Schulgesetz verankert. Das Lernen in Gesamtschulen und in Integrationsschulen ist seit Jahrzehnten erprobt und durch viele Schulversuche wissenschaftlich begleitet worden. Es gibt in der Pädagogik keine andere Fragestellung, die so gründlich untersucht worden ist. Deshalb wäre eine mehrjährige Pilotphase, in der es um die Effizienz des gemeinsamen Lernens geht, überflüssig. Sinnvoll und notwendig wäre aber u. a. die Untersuchung der Frage, wie die Lehr-/Lernorganisation von Schule verändert und die Qualifizierung von Lehrern verbessert werden müssen, damit gemeinsames Lernen mit Erfolg organisiert werden kann. Ein Zentrum für Integration/Inklusion wie in Hamburg bzw. integrative Schulzentren in jedem Bezirk könnten dabei wichtige Hilfen geben.

Prof. Dr. Hans Eberwein, ehemaliger Hochschullehrer für Integrationspädagogik an der FU,

Berlin-Grunewald

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