Leserbriefe : Fehlt im Grundgesetz ein Bekenntnis zur deutschen Sprache?

Zum CDU-Beschluss, ein Bekenntnis zur deutschen Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen

Der Bundesparteitag der CDU beschloss, im Grundgesetz das Deutsche als Sprache der Republik zu bestimmen. Das Wesen des Grundgesetzes, ebenso jeder anderen Verfassung, ist es, Grundlegendes zu bestimmen, wenn hierfür ein Handlungsbedarf besteht. Daraus folgt im nicht nur durchaus zulässigen, sondern auch notwendigen Umkehrschluss, dass die Verfassung nicht mit Detailregelungen überfrachtet wird und dass Grundlegendes, das nicht der Bestimmung durch den Verfassungsgeber bedarf, weil es eben so selbstverständlich ist, dort keine Regelung erfährt.

Vor diesem Hintergrund ist der Vorschlag der CDU weder wünschenswert noch notwendig. In Deutschland spricht man deutsch. Das ist ebenso normal, wie die Luft zum Atmen notwendig ist. Und aus dieser Selbstverständlichkeit heraus hat zumindest in jüngster Zeit niemand es für notwendig erachtet, hier verfassungsgeberisch tätig zu werden.

Freilich können sich auch die Migrantenvertreter wie alle Lobbyisten zu den Vorhaben der politischen Parteien, allemal wenn diese die Regierungsverantwortung tragen, zu Worte melden. Doch wer den Versuch, dem Selbstverständlichen, dass nämlich ein Volk seine Sprache in seinem Lande spricht, Verfassungsrang einzuräumen, als einen mit „demokratischen Gepflogenheiten nicht zu vereinbarenden Assimilationsdruck“ wertet, ist anscheinend im Hier und Jetzt noch nicht angekommen und nimmt für das Bedienen seiner konservativ-traditionalistischen Befindlichkeiten den Schaden für das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen seiner Kinder und Kindeskinder billigend in Kauf. Wer - ganz gleich in welchem Lande und hier in jedem Falle - mitmachen und vorankommen möchte, muss die Sprache richtig sprechen können. Der frühzeitige und umfassende Spracherwerb ist der Schlüssel zur Bildung und zur Teilhabe am Gemeinwesen sowie die Voraussetzung für sozialen und ökonomischen Aufstieg.

Marco Ziegler, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Ziegler,

zu Recht weisen Sie darauf hin, dass Selbstverständliches keiner gesetzlichen Regelung bedarf, Und als eine solche Selbstverständlichkeit, die man nicht in die Verfassung zu schreiben braucht, betrachten Sie die Tatsache, dass man in Deutschland deutsch spricht. Das dachte ich auch zunächst. Aber wenn man näher hinschaut, ist das doch nicht ganz so selbstverständlich, wie Sie sagen. Historisch errungene Zustände sind ja niemals so normal "wie die Luft zum Atmen notwendig". Dass die westgermanischen Stämme sich über ihren verschiedenen Dialekten eine gemeinsame Kultursprache „Deutsch“ geschaffen haben, ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Erst seit dem 16. Jahrhundert schreiben und lesen und viel später erst sprechen die Deutschen die gemeinsame Sprache, die wir „Deutsch“ nennen. Dass das nicht selbstverständlich ist, sieht man auch daran, dass ja durchaus nicht alle mitgemacht haben: Die „niederdeutsch“ sprechenden Niederländer haben sich eine eigene Kultursprache geschaffen, die deutsche Aristokratie ist im 17./18. Jahrhundert aus dem Deutschen ins Französische umgestiegen, und die Schweizer sind gerade dabei, sich aus der deutschen Schriftsprachgemeinschaft zu verabschieden. Dennoch: Verglichen mit anderen Nationen, etwa mit dem Nachbarn Frankreich, verbindet die Deutschen seit langem eine gemeinsame Sprache, und insofern ist es tatsächlich vergleichsweise „selbstverständlich“, dass die Deutschen deutsch sprechen (Die Franzosen hatten noch zur Zeit der Französischen Revolution keine gemeinsame Sprache, damals sprachen zwei Fünftel der Franzosen überhaupt kein Französisch – auch keinen französischen Dialekt –, sie können es eigentlich erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Daher reagieren die Franzosen auch so extrem empfindlich auf Gefährdungen ihrer Sprache: sie ist eine späte und prekäre Errungenschaft).

Nun gibt es aber doch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die das Deutsche in Deutschland nicht mehr als so selbstverständlich erscheinen lassen. Die Deutschen machen derzeit zwei Entfremdungserfahrungen. Sie treffen in ihrer Lebenswelt auf immer mehr Sprache, die nicht deutsch ist und die sie oft nicht verstehen: In Wirtschaft, Wissenschaft, Werbung und Kultur lesen und hören sie immer mehr globales Englisch, und im Alltag begegnen ihnen immer mehr Menschen, die mit ihnen nicht deutsch sprechen (wollen). Das macht die vertraute Sprach- und Lebenswelt schon fremd. Die Initiative der Union reagiert auf diese Erfahrung.

Dass jene beiden Gefährdungen der „selbstverständlichen“ Sprachgemeinschaft keine völlig aus der Luft gegriffenen Hirngespinste verrückter Nationalisten sind, zeigen in aller Klarheit die überraschend aufgeregten, reflexartigen Reaktionen der Gegner des Vorschlags: Laut protestiert haben nämlich einerseits erdoganistische Migrantenvertreter, die sprachliche Integration als Zumutung zurückweisen – Sie weisen in Ihrem Brief darauf hin. Empört haben sich andererseits Repräsentanten der anwachsenden englischsprachigen Neo-Aristokratie, die sich mit ihren Kindern gerade aus der deutschen Sprachgemeinschaft schleicht. Beide Gruppen sind offensichtlich bei ihren kulturellen Projekten ertappt worden und wehren sich daher so nervös und lautstark.

Deswegen ist es vielleicht doch nicht so überflüssig, lieber Herr Ziegler, wenn sich das Land durch einen Satz in der Verfassung symbolisch der alten – selbstverständlichen – Gemeinschaft der Sprache versichert. Ob dies dann tatsächlich den unerwünschten sprachlichen Transformationen Deutschlands wirksam entgegensteht, bleibt allerdings eine weitere Frage.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Jürgen Trabant, Inhaber des „Conrad Naber Chair for European Plurilingualism“ der Jacobs University, Bremen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben