Leserbriefe : Fett ist keine Charakterfrage

„My Berlin – Der XXL-Mann und die Folgen“ von Roger Boyes vom 25. August

Bislang war es an jedem zweiten Samstag im Monat eine Freude, die Meinungsseite zu lesen. Dieses Verdienst gebührte Roger Boyes. Umso mehr befremdet es mich zu lesen, dass auch Herr Boyes einem zunehmend um sich greifenden Physiorassismus erliegt.

Seine Beschreibung eines Menschen, der nicht den von Werbung und Medien vorgegaukelten Idealmaßen entspricht, legt nahe, dass Herr Boyes sich nicht über das Entwicklungsstadium eines Pubertierenden hinausentwickelt hat.

Ein Mensch ist dick oder dünn oder normalgewichtig. Dick ist man oft, weil man zu viel isst und zu wenig Bewegung hat. Allerdings sollte doch darauf hingewiesen werden, dass es Menschen gibt, die aufgrund von Krankheiten nicht den von unserer Gesellschaft standardisierten Größen entsprechen. Die Art und Weise, wie Herr Boyes dies in einem Halbsatz abtut – „oder er ist krank, an der Schilddrüse oder sonst was“ – ist zutiefst beleidigend und entwürdigend für von Lipödem oder Lymphödem betroffene Menschen. Herr Boyes schlägt vor, „den Fetten gegenüber kritischer zu sein“.

Ich schlage ihm vor, einmal in sich zu gehen und über den Wert eines Menschen – unabhängig von dessen äußerer Erscheinungsform – zu reflektieren. Oder wird er sich demnächst darüber mokieren, dass er in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, weil er neben einem Rollstuhlfahrer sitzen muss?

Carolin Krauss (normalgewichtig mit Mann ohne Bierbauch), Berlin-Friedenau

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