Leserbriefe : G 8 müssen geistiges Eigentum teilen

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„Die Rufe nach mehr Hilfe dürfen nicht

verhallen“ vom 6. Juli 2005

In einem ganzseitigen Artikel zum G8-Gipfel werden vom Bundeskanzler zahlreiche Beispiele für die aktive deutsche Unterstützung nicht zuletzt von Afrika angeführt, ohne allerdings zu erwähnen, dass Deutschland noch bei weitem nicht die im Monterrey-Konsens vereinbarte Quote von 0,7 Prozent (Anteil am Bruttosozialprodukt für Entwicklungshilfe) erreicht hat. Geradezu skandalös aber wird es zum Ende zu, wo Schröder den „Ausbau des Schutzes geistigen Eigentums“ fordert, offenbar doch wohl als Mittel für Entwicklungshilfe gedacht.

„Geistiges Eigentum wirkungsvoller als bisher schützen“ – könnte man aus nationaler Perspektive der Musik-, Video- und Verlagswirtschaft vielleicht nachvollziehen (wenn auch nicht unbedingt für richtig halten), aber aus globaler Perspektive – darüber liegen nun wahrlich genug empirische Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse vor – ist es überdeutlich, dass die Länder des Südens, aber auch die so genannten Schwellenländer bis hin zu Brasilien und Indien von der seit gut 15 Jahren auszumachenden globalen Politik einer Verschärfung der Sicherung von Eigentumsrechten immer mehr unter Druck geraten.

Der freizügige Zugriff auf das Wissen der Welt, sei es über Bibliotheken oder direkt durch die Wissenschaftler im Internet, wird für diese Länder immer schwieriger. Der geringe Vorteil, den sie möglicherweise durch den stärkeren Schutz ihres eigenen indigenen Wissens nun erhalten können, wiegt die Nachteile der zunehmenden Verknappung des Weltwissens auch nicht annähernd auf.

Zugriff auf Wissen ist aber sicherlich der entscheidende Faktor für Wachstum auch in diesen Ländern und damit auch entscheidend für die Lösung der dringenden Nahrungs- oder Gesundheitsprobleme. Wie wäre es, wenn Schröder der G8 für die Länder des Südens nicht nur Schuldenerlass und neue Kredite, sondern auch Sonderrechte für die Nutzung von Wissen, auch von solchem in Patenten, empfehlen würde?

Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Professor für Informationswissenschaft an der Universität Konstanz

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