Leserbriefe : Gefährden hohe Lohnabschlüsse Arbeitsplätze?

Zur Konjunkturentwicklung in Deutschland

Auch wenn viele Experten noch optimistisch sind: Ich denke, der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland ist vorbei. Ganz im Gegenteil, wir sind auf dem besten Wege in eine Rezession. Der Sachverständigenrat hat die Wachstumsprognosen für Deutschland wieder gesenkt. Die weiter ins unermessliche steigenden Energiepreise, die Bankenkrise, die Konjunkturentwicklung in den USA, der Eurokurs, die steigende Inflation – all das sind enorme Risiken für unser Wirtschaftswachstum. Derzeit sind etwa 3,4 Millionen Menschen Menschen arbeitslos. 2008 könne erstmals seit 1992 zeitweise die Zahl von drei Millionen Arbeitslosen unterschritten werden, sagte BA-Chef Weise noch im Januar. Wirklich daran glauben kann ich nicht. Ich befürchte, dass die Zahlen in absehbarer Zeit wieder kräftig steigen werden.

Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre hat den aktuellen Abbau der Arbeitslosigkeit erst möglich gemacht. Und heute? Die Lokführer haben mit ihrem Streik eine deutliche Gehaltserhöhung durchgesetzt, im öffentlichen Dienst und in der Stahlbranche gibt es ebenfalls rund fünf Prozent mehr Lohn – das hat verständlicherweise Begehrlichkeiten bei allen Arbeitnehmern geweckt. Aber stark steigende Löhne gefährden letztlich auch unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Und das können wir nicht verkraften, weil unser Wirtschaftswachstum hauptsächlich auf dem Export beruht.

Klaus Winterberg, Berlin-Neukölln

Sehr geehrter Herr Winterberg,

völlig zu Recht wird in Ihrem Leserbrief die veränderte Risikolandschaft für die deutsche Konjunktur skizziert. Der Aufschwung hat seine Selbstverständlichkeit verloren, während wir in den vergangenen drei Jahren doch stets mit einer gewissen Automatik auf eine weitere Besserung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität und damit auch eine anhaltend steigende Beschäftigung schauen konnten. Freilich: Es gibt auch keine Automatik des Abschwungs. Was können wir erwarten, was haben wir zu bedenken?

Erstens: Dieser Aufschwung ist nicht der Rückprall einer tiefen rezessiven Anpassung. Er folgte vielmehr auf mehrere Jahre anhaltende Stagnation, die nur durch eine längere Vorgeschichte aus den neunziger Jahren zu erklären ist: Die Folgen der Wiedervereinigung und die Konvergenzeffekte der europäischen Währungsintegration haben zunächst Anpassungslasten ausgelöst. Heute spüren wir jeweils stärker die Vorteile: Die Transformation in den neuen Bundesländern schreitet voran und sichert zunehmend eine erfolgreiche Einbindung in die internationale Arbeitsteilung, die Baukrise hat ihren Boden erreicht. Die Währungsunion bewahrt uns vor Abwertungen anderer europäischer Staaten und stabilisiert den Exporterfolg in die EU.

Zweitens: Vor diesem Hintergrund stand der Aufschwung unter einem günstigeren Stern als sein Vorgänger 1999/2000. Zudem wirkte sich aus, dass die Wirtschaftspolitik durch gezielte Reformen am Arbeitsmarkt und in der sozialen Sicherung die Flexibilität der unternehmerischen Anpassung erhöht hat. Die Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung und die seit 1997 moderate Lohnpolitik haben die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen enorm gestärkt und die Investitionen beschäftigungsintensiver gemacht. Zusammen mit den Restrukturierungen der Unternehmen liegt hier die Ursache für die besonders mit Blick auf den Arbeitsmarkt eindrucksvolle Eigenkraft der deutschen Konjunktur.

Drittens: Eine Abschwächung in den USA muss nicht in jedem Fall mechanisch auf die deutsche Volkswirtschaft durchwirken, und zwar vor allem dann, wenn diese Entwicklung sich nicht in eine globale Verwerfung einfügt. Die Kreditmarktkrise ist ursächlich in den USA lokalisiert, ebenso die daraus folgenden Belastungen für den privaten Konsum. Insofern werden deutsche Unternehmen zwar durch Gewinnschmälerung im amerikanischen Markt getroffen. Regional ist unser Export aber gut diversifiziert, zudem erarbeiten wir den Erfolg weniger über den Preis und viel mehr über Qualitätsversprechen, Innovationskraft und Kundendifferenzierung.

Diese Hinweise machen deutlich, dass es Chancen für einen Fortgang des Aufschwungs trotz des verbreiterten Risikoumfelds gibt. Freilich: Um die Chancen zu heben, muss vernünftig gehandelt werden. Dies betrifft einerseits die Wirtschaftspolitik, die den Reformkurs der Agenda 2010 wiederaufnehmen muss. Dies betrifft andererseits die Lohnpolitik, die auch weiterhin die Arbeitslosen im Blick haben muss und ihren Beitrag durch beschäftigungsorientierte Abschlüsse leisten muss.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Michael Hüther,

Direktor und Mitglied des Präsidiums

des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

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