Leserbriefe : Gefährden steigende Mieten den sozialen Frieden in Berlin?

Zur Berichterstattung über steigende Mieten

in Berlin

Dass die Mieten in der Hauptstadt immer weiter steigen, ist natürlich auch auf die Politik der letzten Jahre zurückzuführen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind mittlerweile nur noch dem Ziel verpflichtet, möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften. Sie tragen mit ihrer Marktmacht in Berlin in den letzten Jahren durch regelmäßige Mieterhöhungen - oft im oberen Rahmen des laut Mietspiegel zulässigen - erheblich dazu bei, dass die Mieten immer weiter steigen. Thilo Sarrazin lässt grüßen! Dass da der bezahlbare Wohnraum in einigen Gegenden knapp wird, verwundert nicht. Zumal die Einkommenssituation der meisten Berliner nicht mit der in Metropolen wie Hamburg oder München vergleichbar ist. Die Einkommen sind hier einfach geringer, die Arbeitslosigkeit höher. Eine Änderung dieses Trends ist angesichts der drohenden Rezession nicht in Sicht.

Berlin befindet sich auf einem gefährlichen Weg, Sparzwang hin oder her. Die Segregation in Berlin wird in den kommenden Jahren auch durch die steigenden Mieten rasant zunehmen. Sozial- und integrationspolitisch ist diese Entwicklung der Super-Gau für die Stadt. Slums, No-go-Areas und Streetgangs werden wohl auch in Berlin bald Normalität sein – und was das bedeutet, mag man sich gar nicht ausmalen. Die Veränderungen in diese Richtung im Stadtbild durch kann man heute schon in einigen Kiezen sehen. Ich denke, einen solchen Prozess wieder umzukehren wird schwer und ist ohne den Einsatz erheblicher Mittel (nicht nur finanziell) nicht zu schaffen. Deshalb ist jetzt Handeln gefragt, nur ein bisschen Kosmetik hier und da, wie sie derzeit von den verantwortlichen Politikern der Stadt betrieben wird, hilft auf die Dauer jedenfalls nicht weiter.

Markus Block, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Block,

Berlin ist nach allen verfügbaren Indikatoren eine Großstadt mit sehr günstigen Mieten, im internationalen Vergleich sowieso, aber auch im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten. In Berlin kostet eine 65 Quadratmeter große Wohnung normaler Ausstattung und Lage etwa 345 Euro nettokalt im Ostteil bzw. 372 Euro im Westteil. Der entsprechende Preis liegt gegenwärtig in Hamburg bei 442 Euro, in Köln bei 495 Euro und in München bei 637 Euro. Für die Mieter in München bedeutet das, dass sie im Schnitt über 70 Prozent mehr für ihre monatliche Nettokaltmiete veranschlagen müssen als die Berliner Mieter.

Natürlich gibt es nicht in jeder Lage jede Wohnung zu jedem Preis. Es gibt einfache, mittlere und gute Wohnlagen, verkehrsgünstige und weniger verkehrsgünstige Wohnlagen, es gibt angesagte Szeneviertel, Wohngegenden, die gerade nicht so in Mode sind und auch Quartiere, die gerne gemieden werden.

Es gibt auch erhebliche Preisunterschiede: In Marzahn-Hellersdorf kostet der Quadratmeter im sanierten Plattenbau unter 5,00 Euro, während am Prenzlauer Berg eine sanierte Altbauwohnung durchaus auch 8,00 oder 9,00 Euro/Quadratmeter kosten kann. Sie ist damit noch teurer als eine sanierte Altbauwohnung in Wilmersdorf, die gegenwärtig bei etwa 7,00 Euro/Quadratmeter liegt. In der Gropiusstadt in Neukölln wiederum kosten sanierte Wohnungen durchschnittlich 5,10 Euro/Quadratmeter.

In den letzten 5 Jahren sind die Mieten in Berlin lediglich um 1,5 Prozent jährlich angestiegen, 75 Prozent aller Wohnungen werden zu Quadratmeterpreisen von 7,00 Euro (nettokalt) und darunter angeboten.

Auch die städtischen Wohnungsgesellschaften sind dabei keine Preistreiber. Die 270 000 städtischen Wohnungen haben eine durchschnittliche Miete von 5,14 Euro/Quadratmeter.

Sie orientieren sich dabei an den Marktpreisen. Es gibt allerdings auch keinen Grund, ausgerechnet die Mieterschaft der städtischen Wohnungen durch Verzicht auf Mieteinnahmen zu subventionieren. Die Bewohner sind nicht nach Bedürftigkeit ausgewählt, so dass eine Subvention auf Kosten der Steuerzahler hier nicht gerecht wäre.

Der Berliner Wohnungsmarkt bietet für jeden Geldbeutel eine würdige Wohnung. Natürlich können nicht 3,4 Millionen Berliner am Grunewald oder in Prenzlauer Berg leben. Aber günstige Wohnungen finden sich nicht nur in den Randlagen, sondern auch in sehr verkehrsgünstigen zentralen Lagen.

Berlin ist weniger von Segregation bedroht als jede andere deutsche Großstadt. Aber man wird nicht verhindern können, dass in besonders bevorzugten Wohnlagen und den besonders schönen Wohnungen eher die zahlungskräftigen Bürger wohnen. Sie fahren durchschnittlich ja auch die teureren Autos oder besuchen die besseren Restaurants. Wer mehr Einkommen hat, konsumiert auf höherem Niveau und das umfasst auch die Wohnung.

Der Berliner Wohnungsstandard gerade im einfachen und mittleren Wohnungssegment ist jedoch beispielhaft und ungeschlagen preisgünstig. Im Übrigen führt nicht die Wohnlage zu „No-go-Areas“ und „Streetgangs“, sondern das Verhalten von Menschen.

Mit freundlichen Grüßen

— Thilo Sarrazin (SPD),

Senator für Finanzen, Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben