Leserbriefe : Gehen die Streiks im Gesundheitswesen zu Lasten der Patienten?

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„Gespräche mit Ärzten gescheitert“

vom 19. Juli 2006

Es ist grundsätzlich legitim, dass jede Lobbyorganisation für ihre jeweilige Klientel das finanziell möglichst Optimale herausholen möchte. Ob Gewerkschaften, Marburger Bund oder die Arbeitgeberverbände. Nur hört, meiner Ansicht nach, der „Pokerspaß“ (Lohnverhandlungen) auf, wenn es sich um menschliche Schicksale handelt, die aufgrund einer chronischen Erkrankung ein besonderes Gesundheitsrisiko mit sich herumtragen müssen und gegebenenfalls auf schnellstmögliche Hilfe eines Krankenhauses angewiesen sind. Mit ein bisschen Glück überleben diese Menschen, wenn Ärzte und Pflegepersonal nicht gerade beschließen, zu streiken. Hier entscheiden also unter Umständen Lobbyverbände wie der Marburger Bund und andere darüber, ob Menschen sterben müssen, weil der Krankenhausträger nicht das gewünschte Gehalt an seine Mitarbeiter zahlen kann. Da können auch nicht irgendwelche scheinheiligen Notfallpläne der Gewerkschaften die qualitative Patientenversorgung in den Krankenhäusern sichern.

Wäre das wirklich der Fall, dann könnte daraus der Schluss gezogen werden, dass es zu viel ärztliches- und pflegerisches Personal in den Krankenhäusern gibt! Ich glaube, dass hier jeder mit mir einig ist, dass dem nicht so ist. In den Krankenhäusern herrscht chronischer Personalmangel im medizinischen Bereich. Das kann es nicht sein. Der Mensch kann nicht zur Ware deklariert werden und ein Streik im Krankenhaussektor ist nicht mit einem Streik in einem normalen Produktionsbetrieb zu vergleichen, so dass ich an die Politik appelliere, darüber nachzudenken, einen Streik im Gesundheitswesen (Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte) gesetzlich zu verbieten.

Alexander Marx, Berlin-Lichtenrade

Sehr geehrter Herr Marx,

zu dem Inhalt Ihres Briefs kann ich Ihnen als gewählter Vertreter eines Patientenverbandes nur zustimmen. Das Gesundheitssystem ist geprägt von lobbyistischen Einflüssen. Nur die Bürgerinnen und Bürger haben keine Möglichkeit auf das Gesundheitswesen einen Einfluss geltend zu machen. Seit dem Jahr 1976 haben alle so genannten Reformen im Bereich Gesundheit nur eine Leistungsausgrenzung für die Patienten und Versicherten mit sich gebracht und zusätzlich einen enormen Anstieg der Beitragszahlungen in die gesetzliche und private Krankenversicherung.

Hinzu kommt, dass die Krankenkassen sich selber gut mit Finanzmitteln versorgen, schöne Paläste bauen, sich in die Strukturen der Leistungserbringer wie Mediziner, die Krankenpflege, die Therapeuten und die Institutionen wie Arztpraxen, Krankenhäuser und so weiter, durch einen ungeheuer starken Kostendruck einmischen. Dieser Druck wird dann an die Patienten weitergegeben und gleichzeitig behauptet, die Qualität im Gesundheitssystem sei gut bis sehr gut. Die Leidtragenden sind neben den Patienten und Versicherten auch die Mediziner, die Pflege, die Therapeuten und andere Berufsgruppen, wie zum Beispiel die Mitarbeiter der Sozialstationen. Diese müssen auf Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld auf Überstundenvergütung verzichten und das dazu noch in einem weitgehend hierarchisch strukturierten Umfeld. Da kann die Motivation schon erheblich abnehmen und ein Wechsel aus der eigentlichen beruflichen Tätigkeit in andere Berufe erfolgen.

Für die Patienten besteht zusätzlich die Gefahr der Ausdünnung der Anzahl qualifizierter Mitarbeiter. Damit entsteht ein Risiko für Leistungserbringer und Patienten. Überarbeitete und zum Teil nicht ausreichend ausgebildete Mitarbeiter der medizinisch-pflegerisch-therapeutischen Versorgung der Patienten können eher zu Fehlern neigen, als ausgeruhte und motivierte Mitarbeiter dieser Berufsgruppen. Deshalb müssen die Streiks, so weh das aktuell für die Patienten ist, sein. Gleichzeitig müssten die Berufsgruppen jedoch auch zu einer gesamtunternehmerischen Ausrichtung gebracht werden und sich vom Inseldenken für die eigenen Interessen verabschieden und den Nutzer = Patienten in den Vordergrund aller Überlegungen stellen. Nur durch einen starken und unabhängigen Verband der Versicherten und Patienten wird dies jedoch realisiert werden können.

Die überwiegende Anzahl der Lobbyisten und der Politiker betrachten den Versicherten und Patienten eher als lästiges Übel, als Gelddruckmaschine oder als unproduktives Mitglied der freien Marktwirtschaft. Wir müssen dahingehend Einfluss nehmen das die Effizienzpotenziale im Gesundheitssystem von circa 30 bis 40 Milliarden Euro genutzt werden und die Finanzmittel dahin fließen, wo die beste Leistung in der Behandlung erbracht wird und dazu brauchen wir Transparenz im System. Nur dann kann mit guter Qualität behandelt werden und die Mediziner, die Pflegekräfte, die Therapeuten können in ausreichender Anzahl gut vergütet werden. Streiks wären überflüssig.

Mit den besten Grüßen,

Ihr

— Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten.

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