Leserbriefe : Gehört ein Zentrum gegen Vertreibungen wirklich nach Berlin?

Zur Diskussion über den Standort eines Zentrums gegen Vertreibungen

Wie dünn die Argumentation von Friedhelm Pflüger (CDU) pro Standort Berlin für ein Zentrum gegen Vertreibungen ist, wird deutlich in dem Satz: „was ist falsch daran, wenn in unserer Stadt ein solches Zentrum errichtet wird?“ Die Frage muss doch lauten: Wo ist der richtige Ort dafür?! Und da gibt es in der Tat keinen besseren, als den vom EU-Parlamentspräsidenten Pöttering (ebenfalls CDU) vorgeschlagenen: nämlich Görlitz/Zgorzelec. Hier könnte ein Brückengebäude über den Grenzfluss Neiße errichtet werden, gebaut von Deutschen und Polen gemeinsam und von beiden Seiten zugänglich. Markiert doch die Oder-Neiße-Linie das Schicksal derer, die jenseits von ihr ihre Heimat hatten. Der nun polnische Teil der ehemals einen Stadt wurde mit Vertriebenen aus Ostpolen bevölkert. Ein solches Projekt würde das Zentrum endlich den Klauen des Bundes der Vertriebenen entreißen und könnte - nicht neutral aber objektiv - das Elend der Vertreibungen in Europa und anderswo dokumentieren.

Da der SPD-Landeschef Müller diesem Vorschlag nicht abgeneigt scheint und eine neue Regierung in Polen sich gesprächsbereit zeigt, müsste eine große Koalition der Vernunft das zustande bringen können. Es ist sicher falsch, Berlin mit noch mehr Mahn-, Denkmals- und Zentrumsgranit/beton vollzuklotzen. Sinnvoll ist, historische Orte zu markieren und würdevoll zu gestalten.

Dieter A. Wortmann, Nassau/Lahn

Lieber Herr Wortmann,

die Regierungsparteien CDU und SPD haben sich in der Koalitionsvereinbarung 2005 ausdrücklich zur gesellschaftlichen und historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung bekannt. Dort heißt es: „Wir wollen im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um – in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus – an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten.“ Das Zentrum gegen Vertreibungen wird dieses „sichtbare Zeichen“ des Erinnerns in Berlin sein. Es wird das Leid nicht aufrechnen und relativieren, die Vertreibung anderer Völker bedenken, aber das Schicksal der Deutschen in den Mittelpunkt stellen. Darüber hinaus kann es gerne weitere Vertreibungszentren geben, in Posen, Breslau oder in Sarajewo - als Orte jeweils nationaler Erinnerung über unvergleichliche Verbrechen der europäischen Vertreibungen. Auch Görlitz/Zgorzelec könnte in ein solches Netzwerk einbezogen werden. Untereinander könnten die Zentren Ausstellungen, Wissenschaftler, Referenten und Forschungsergebnisse austauschen. Sie sollten sich ergänzen und keine „Gegenzentren“ darstellen.

Das zentrale Vertriebenenzentrum Deutschlands gehört nach Berlin. Denn dieser auch für die heutige Bundesrepublik prägende Teil der Geschichte kann am besten in und von Berlin aus die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm gebührt. Berlin ist als einer der größten Touristenmagnete in Europa hervorragend geeignet, das Interesse der Bürgerinnen und Bürger auf die Geschichte der Vertreibungen zu lenken.

Ihr Misstrauen gegenüber dem Bund der Vertriebenen (BdV) ist nicht gerechtfertigt, indes aus der Geschichte heraus durchaus verständlich. Zu lange hat der BdV Grenzrevisionen gefordert und wenig Mitgefühl mit den von Nazi-Deutschland ausgegangenen Verbrechen an unseren Nachbarn gezeigt. Längst aber sind die Vertriebenen mit ihrer Vorsitzenden Erika Steinbach – und früher bereits etwa mit Hartmut Koschyk – aus ihrer revisionistischen Ecke heraus. Er könnte in der Zukunft immer mehr zu einem Bund der Versöhnung werden! Dazu aber ist es notwendig, die Betroffenen und ihre Angehörigen einzubeziehen. Das Zentrumsprojekt darf den BdV nicht ausgrenzen. Frau Steinbach weiß genau: Es geht nicht um Neuschreibung der Geschichte, nicht um Aufrechnung – sondern um ein Stück ehrlicher Erinnerungskultur.

Auch die Polen haben sich seit dem Ende des Kalten Krieges dem Vertreibungsunrecht viel eindrucksvoller gestellt, als mancher bei uns dies für möglich gehalten hätte – man ist gar nicht mehr so weit voneinander entfernt. Die jüngsten Signale der neuen polnischen Regierung unter Führung von Ministerpräsident Donald Tusk sind jedenfalls sehr ermutigend. Wir können die Debatte über das Zentrum gegen Vertreibungen also durchaus mit etwas mehr Gelassenheit austragen.

Mit besten Grüßen

Ihr

— Dr. Friedbert Pflüger, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin und Mitglied im Präsidium der CDU

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