Leserbriefe : Geld gibt es sogar in der Finanzkrise

„In der Retro-Republik“

von Caroline Fetscher vom 28. Dezember

Wohltuend geist- und kenntnisreich, Caroline Fetschers Essay über die „Retro-Republik“. Eine Seite kompakter Geschichtsunterricht und brillant formulierte Momentaufnahme der Seelenlage einer Nation, die danach lechzt, „normal“, wieder „wer“ zu sein. Aber Bauleute mögen noch so hingebungsvoll die Fassade der Berliner Hohenzollernvergangenheit restaurieren, so wird die Nation weder erwachsen noch „wieder wer“. Ein Palast der Bildung, wie Fetscher ihn wachsen lässt, ja, das wäre ein schöner Baustein für gemeinsame Identität. Oder: Die Bundesregierung findet einen unbürokratischen Weg, den betagten italienischen Opfern deutscher Verbrechen endlich Geld zu überweisen – ohne erst mit einer Völkerrechtsklage den Internationalen Gerichtshof zu bemühen. Auch diese Geste wäre ein Zeichen deutschen Erwachsenseins. Geld gibt es ja, sogar in Zeiten der Finanzkrise, wenn es denn nicht in eine Schlossattrappe für koloniale Beutestücke verbuddelt wird.

Dr. Petra Lidschreiber,

Berlin-Wilmersdorf

Aus meiner Sicht setzt dieser Beitrag schlicht einen längst nur noch destruktiven Streit zwischen den Akteuren (Tradition versus Moderne) unnötig fort. Sicher, knapp 600 Millionen Euro Baukosten sind nicht gerade wenig, warum, so möchte ich allerdings hier fragen, erinnert die Autorin in Ihrem Beitrag nicht auch an die Kosten anderer öffentlicher Bauprojekte (Hamburger Elbphilharmonie, Neubau der Zentrale des BND in Berlin, Großflughafen Berlin-Brandenburg …)? Der Verzicht auf wenige neue Autobahnkilometer würde wohl schon reichen, um den Bau des Humboldt-Forums zu finanzieren.

Vielleicht sollte sich Frau Fetscher einmal fragen, ob die im Feuilleton als modern und innovativ gefeierten Bauten der Stararchitekten oft auch nur „Retro“ sind, eine Wiederholung des futuristischen Designs des Kalten Krieges der 60er und 70er Jahre? „Die“ Moderne ist längst alt geworden. Abschließend noch die Frage, ob es wirklich innovativ, ökologisch oder kinderfreundlich ist, zwingend Stadtautobahnen oder die ideologische Großstadtfeindschaft nach dem Ersten Weltkrieg zu konservieren. Meiner Auffassung nach braucht eine Wiederherstellung menschlicher, maßvoller Stadträume beides: Tradition und Moderne.

Markus Erich-Delattre, Hamburg

Einen „Ausbildungspark“ möchte die Autorin einrichten: Für die „quicklebendigen“ Jugendlichen, die sich die „Gesellschaft entfremdet hat“, vermutlich mit ihrer menschenverachtenden Forderung nach Schulbesuch und Kenntnis der Landessprache. Ob sie damit schafft, woran ein Heer von Sozialarbeitern, Integrationsbeauftragten und Bewährungshelfern gescheitert ist? Solange sich Medien und Politik weigern, die Realitäten in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Köln-Porz und anderen sogenannten sozialen Brennpunkten wahrzunehmen, sondern lieber weiter an ihren progressiven Wohlfühl- und Kuschelfantasmen spinnen, werden sich die „Brennpunkte“ in den nächsten Jahren zwangsläufig zu sozialen Sprengsätzen entwickeln.

Dr. Wolf-Dieter Schleuning,

Berlin-Hermsdorf

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