Leserbriefe : Gerhard Richters Bilder müssen neu gesehen werden

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„Das Geheimnis des Malers“ vom 22. August und „Gerhard Richters Werk wurde auf unheimliche Weise entschlüsselt“ vom 5. September 2004

Das hätte der Arzt Heinrich Eufinger wohl nicht mehr erwartet. Nach sechzig Jahren wird das wohlgehütete Geheimnis seiner Vergangenheit doch noch gelüftet. Und dies nur, weil aus seinem ehemaligen Schwiegersohn, dem Kölner Maler Gerhard Richter, inzwischen ein weltberühmter Künstler geworden ist. Der Tagesspiegel hat tief in der deutschen Vergangenheit gegraben und einen weiteren der hunderttausenden anonymen Mitläufer und Mittäter des NSRegimes enttarnt.

Der Gynäkologe Professor Dr. Eufinger war gleich nach der Machtergreifung 1933 der NSDAP und zwei Jahre später auch der SS beigetreten. Als Direktor der Dresdner Frauenklinik war er aktiv an zahlreichen Zwangssterilisationen beteiligt.

Nach dem Krieg wurde er zwar kurzfristig inhaftiert, konnte dann aber seine medizinische Karriere ungehindert fortsetzen. 1956 siedelte er in den Westen über. Ein Jahr später heiratete seine Tochter Ema, die in Dresden geblieben war, den jungen aufstrebenden Maler Gerhard Richter.

Richters Tante Marianne wiederum, eine Schwester seiner Mutter, wurde im Dritten Reich das Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Programmes. Der Artikel von Jürgen Schreiber erzählt mit verblüffendem Detailreichtum die Parallelgeschichten eines angepassten Karrieristen und eines unschuldigen Opfers des NS-Regimes.

Beinahe hätten sich ihre Schicksalswege sogar gekreuzt. Das liest sich streckenweise tatsächlich wie eine spannende Kriminalstory. Doch was bringen diese Details für die Interpretation von Richters Kunst?

Auch wenn er beide, seine „Tante Marianne“ (1966) und die Familie Eufinger als anonyme „Familie am Meer“ (1964), gemalt hat, so hat er doch nie einen Zusammenhang zwischen beiden Biografien angedeutet, wie ihn der Tagesspiegel jetzt festgestellt haben will. Von der aktiven Rolle seines Schwiegervaters im Nationalsozialismus, so wird Gerhard Richter zitiert, will er nie gewusst haben. Und auch wenn er einmal zugestanden hat, „ein guter Verdränger“ zu sein, kann man ihm das glauben.

Das Verdienst des Artikels von Jürgen Schreiber ist es zumindest, dass er überhaupt das Augenmerk auf die privaten Hintergründe solcher Bilder lenkt. Denn keineswegs sind diese Motive für den Künstler so beliebig und banal, wie sie in der Nachbarschaft seiner anderen Werke, der gemalten Kühe, Klorollen und Vorhänge, erscheinen.

Nach seiner Flucht aus der DDR hat sich Gerhard Richter immer wieder der eigenen Vergangenheit malerisch rückversichert. An der „Familie am Meer“ interessierte Richter, wie so oft in den sechziger Jahren, die errichtete Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit und die dahinter verborgenen Abgründe. Die fotografische Vorlage zu dem Gemälde muss irgendwann Anfang der vierziger Jahre entstanden sein.

Die harmlose Inszenierung einer privaten Urlaubspose spielt sich hier also vor der Folie von nationalsozialistischer Rassenideologie und Kriegsterror ab.

Dietmar Elger, Kunsthistoriker und Verfasser der Biografie „Gerhard Richter, Maler“, Sprengel Museum Hannover

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