Leserbriefe : Gerhard Schröder wird richtig unheimlich

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„Wille und Wirklichkeit“ vom 22. September 2005

Sehr geschätzte TagesspiegelRedakteure, Sie haben ein dickes Kompliment für Ihre Berichterstattung über die Konfusion im politischen Berlin nach der Wahl und die sture Dickköpfigkeit und arrogante Selbstgerechtigkeit der Wortführer der Parteien verdient! Glänzend Ihre wirklich intelligenten, weitsichtigen Leitartikel der letzten Tage, besonders der von Stephan-Andreas Casdorff „Was vom Tage übrig bleibt“ vom 21. September und der von Lorenz Maroldt! Solche fundierten, den Horizont erweiternden Meinungsäußerungen lohnen sich zu lesen! Danke!

Werner Diekelmann, Mainz

„Lafontaine geht auf Rot-Grün zu“ vom 22. September 2005

Nachfolgend meine Interpretation des Wahlausgangs:

Es findet sich keine vom Volk legitimierte Mehrheit für so genannte „Reformen“, die ganz offen für eine Klasse Recht- und damit Machtzuwachs und -verfestigung bedeutet (steigende Profite, Erpressung des Staates mit Arbeitsplatzabbau bzw. -verlagerung) und für eine andere Klasse den Abbau ihrer Rechte (Arbeitszeitverlängerung, Lohnkürzung, Zwangsarbeit).

Der Stimmenzuwachs der Linkspartei gerade im „Westen“ ist eine schallende Ohrfeige für die SPD, die sie dringend braucht, um (vielleicht) zur Besinnung zu kommen.

Jörg Gätschmann, Berlin-Lichterfelde

Die Mehrheit der Wähler in Deutschland wählte Links von den Parteien CDU, CSU und FDP. Auch der Auftrag ist klar: Mehr soziale Gerechtigkeit, Änderungen an den Arbeitsmarktreformen. Marion Manneck, Essen

„Vorwärts zu den Wurzeln – Wie schwarz sind die Grünen?“ vom 21. September 2005

Vielleicht schaffen es die fünf Redakteure der Tagesspiegel-Parlamentsredaktion, den Artikel von Caroline Fetscher an alle Bundestagsabgeordneten von CDU/CSU, FDP und Grünen zu verteilen. Dadurch könnte auf der Suche nach einem Ausweg bei der schwierigen Regierungsbildung der Blick weg von allem Trennenden hin zu etlichen Gemeinsamkeiten innerhalb der drei Fraktionen gelenkt werden, um ein solches Bündnis „passend zu machen“. Die darauf zu erwartende Presseschelte des Bundeskanzlers sollte kein Hinderungsgrund sein.

Volker Schudak, Berlin-Lichterfelde

Eine Regierung Schwarz-Gelb-Grün wäre jetzt genau das Richtige für Deutschland:

Konservativ: Gutes bewahren, Nein zur Geschichtsvergessenheit.

Liberal: Mehr Freiheit, mehr Wettbewerb, weniger Staat, weniger Bevormundung.

Ökologisch: Die Mehrheit der Deutschen unterstützt die Grundhaltung der Grünen, im Einklang mit der Natur zu leben und zu wirtschaften.

Eine solche Regierung wäre wirklich der Neuanfang für Deutschland, den dieses Land braucht.

Annette Ahme, ehemals baupolitische Sprecherin der Grünen (damals: AL), von 1983 bis 1985 Mitglied des Abgeordnetenhauses, Berlin-Kreuzberg

„Spiel mit Grenzen“ vom 20. September 2005

Umgekehrt wird ein Schuh draus:

Wenn eine Dreierkoalition überhaupt möglich sein soll, dann müssten sich zunächst einmal FDP und Grüne einigen, in welchen Punkten eine Zusammenarbeit vielleicht doch denkbar wäre. Und wenn sie tatsächlich eine gemeinsame Schnittmenge finden sollten, dann stellt sich die Frage, mit welcher großen Partei (und mit welchem Kanzler/welcher Kanzlerin) sich diese am ehesten vereinbaren lässt.

Was sind die Knackpunkte zwischen FDP und Grünen? Über Subventionsabbau und Streichung von Ausnahmetatbeständen in der Besteuerung sollte sich Einigkeit erzielen lassen. Bürgerversicherung und Privatisierung schließen sich nicht grundsätzlich aus. Auch die Grünen treten für mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen ein, nur müssten die Beiträge von allen, gesetzlichen wie privaten, in Prozentpunkten vom Einkommen berechnet werden.

– Hinter den Atomausstieg können die Grünen auf keinen Fall zurück. Das ist aber auch nur eine Forderung von Westerwelle aus dem Wahlkampf, um den Grünen eine angebliche Technologiefeindlichkeit anzuhängen.

– In der Gesellschaftspolitik (Bürgerrechte, Zuwanderung, Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensformen) sowie in der Bildungspolitik liegen die beiden nah beieinander.

– Ähnliches gilt in Fragen der Außenpolitik.

Sollten sich Grüne und FDP überhaupt nicht einigen können, dann ist das Gerede von „Jamaica“ und „Ampel“ ohnehin überflüssig und es bleibt nur eine große Koalition.

Heiner Frhr. v. Marschall,

Berlin-Reinickendorf

Auf das Nächstliegende kommt keiner, denn die Oppositionsrolle gehört eindeutig der Kombination Linke-PDS-SED.

Der Wähler wollte ganz offensichtlich die Große Jamaika-Schwampel: SchwarzRot-Gelb-Grün. Das ist stabil, das hat eine solide Mehrheit und das hat Zukunft. Sollte nämlich ein Koalitionspartner zwischendurch Sperenzien machen, wird er einfach abgesprengt, ohne dass das Regierungsbündnis gefährdet ist. Das Führungspersonal könnte sich arrangieren, den Kanzlerwechsel während der Legislaturperiode vereinbaren. Es fängt der Altkanzler an (Amtsbonus) und lässt nach einem Jahr die Kanzlerin ans Ruder.

Peter Wand,

Berlin-Niederschönhausen

Donnerstag morgen, in einem Geschäft in der Danckelmannstraße. Ein Kunde wünscht „eine Koalition, bitte!“. Die türkische Verkäuferin lächelt und reicht ihm zwei Schachteln Marlboro Medium und eine Schachtel Marlboro Menthol – rot-rot-grün eben …

Klaus Betz, Berlin-Charlottenburg

„Seid umschlungen, Millionen“ vom 20. September 2005

Der Artikel von Tissy Bruns ist bisher mit Abstand die beste und treffendste Analyse, die nach der Bundestagswahl erschienen ist. Sie erklärt der entgeisterten Republik, was am Wahlsonntag wirklich passiert ist. Und mir ganz persönlich im Rückblick, warum ich eigentlich meine Stimme dem Kanzler gegeben habe. Dr. Christian Bach, Darmstadt

Ich möchte mich noch ausdrücklich bei Frau Bruns bedanken für ihren sehr treffenden Kommentar zu Schröders Verhalten am Sonntagabend. Ich habe Schröder gar nicht gewählt, aber sein „Pathos“ habe ich als erfrischend empfunden – nach all den üblichen, altbekannten – ich möchte sagen: drögen – Statements zuvor, kam hier Leben in die Runde, in die Politik. Ich habe größtes Verständnis für sein überbordendes Verhalten. Nie war mir der Mann sympathischer als an diesem Abend. Wenn Frau Merkel Kanzlerin wird, dann wünsche ich ihr und uns allen, dass sie sich wider Erwarten doch noch „befreit“, Esprit an den Tag legt, klare Standpunkte findet und die auch klar vertreten kann – dass sie über die derzeitige Merkel hinauswächst. Ist nicht ausgeschlossen.

Martin Erlenmaier,

Berlin-Prenzlauer Berg

Am Sonntag habe ich meine Zweitstimme der SPD gegeben. Dies ist mir mittlerweile regelrecht peinlich. Denn das Verhalten von Herrn Schröder hat nichts mehr mit dem üblichen Narzissmus zu tun, der für alle in der Öffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten typisch ist, nein, der Mann wird richtig unheimlich und die Partei, die ihn stützt, nicht minder. Es gibt einen Ausspruch von Henri Nannen, der besagt, Bilder, die von Fotojournalisten erst umständlich erklärt werden müssten, seien nichts wert. Ein Kanzler, der einerseits einen Wählerauftrag von einem knappen Sieg ableitet, ihn in der umgekehrten Situation aber durch kompliziertes Interpretieren dem politischen Gegner abspricht, ist in meinen Augen kein Demokrat.

Christine Meyke, Berlin-Tempelhof

„Ein Elefant im Wahlladen“ vom 19. September 2005

Sehr geehrter Herr Casdorff, für Ihren mutigen Artikel, mit dem Sie wahrscheinlich auf Schröders „Giftliste“ Aufnahme gefunden haben werden, möchte ich Ihnen ausdrücklich meine Anerkennung aussprechen. Mit Recht prangerten Sie den Abscheu erregenden Auftritt des Bundeskanzlers in der so genannten Elefantenrunde an. Vor den Augen der Öffentlichkeit – und damit auch des Auslands – verlor er total seine Contenance und zeigte sich als pöbelnder ungehobelter Klotz, dessen Auftreten alle Teilnehmer an dieser Gesprächsrunde peinlich berührte. Wenn derartige Umgangsformen unter Demokraten, und nur solche saßen in der Runde, um sich greifen, wäre es um unsere Gesprächskultur in Zukunft schlecht bestellt.

Klaus Fensch, Birkenwerder

Herr Schröder wirkt im Fernsehen und in den Zeitungen wie der Staatsratsvorsitzende der BRD und 1. Generalsekretär des ZK der SPD.

Jörg Heine, Berlin-Lichtenberg

„Eine Revolution als Maßstab“ vom 19. September 2005

Immer noch gibt es fast 25 Prozent Bürger in den neuen Bundesländern, die die Nachfolger der SED wählen. Langfristig können wir nur auf die Bundestagswahl 2046 hoffen, dann sollten die ewig Gestrigen langsam ausgestorben sein und Deutschland die Einigkeit zeigen, die wir uns immer gewünscht haben.

Josef Knorn, Berlin-Charlottenburg

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