Leserbriefe : Geschichte neu lesen

Berichterstattung zur Stasi-Tätigkeit des Benno-Ohnesorg-Todesschützen Karl-Heinz Kurras

Als ich von der Enthüllung des Todesschützen Kurras als Stasi-Spitzel und SED-Mitglied erfuhr, suchte ich vergebens nach relevanten Aspekten, die die Vorgänge des 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper und in der Krumme Straße in einem anderen, neuen Licht erscheinen lassen könnten. Moritz Schuller sieht das in seiner Kolumne anders, mehr noch, er findet ein höchst merkwürdiges Parallelgeschehen in der vor mehr als einem Jahr breitgetretenen Causa Günter Grass als „SS-Mann“, um für beide Biografien zu dem wenig aufregenden Schluss zu kommen, dass es nicht leicht sei in Deutschland „ein ideologisch eindeutiges Leben“ zu leben.

Der Tagesspiegel fällt mit diesem Statement in eine antikommunistische Inselrhetorik des eingemauerten West-Berlins zurück, die mich sprachlos macht. Von welch fragwürdiger Argumentation das Ganze ist, mag mit dem Hinweis auf die Behauptung Schullers vom „SEW-durchtränkten West-Berlin“ belegt sein: eine marginale, vom Ostberliner Original SED finanziell am Leben erhaltene Splitterpartei ohne jeglichen parlamentarischen oder außerparlamentarischen Einfluss, wenn letzterer bestanden hat, dann als Anhängsel an eine sehr autonome, politisch völlig heterogene Studentenbewegung, deren ideologische und parteipolitische Ausdifferenzierung erst als Folge ihrer Politisierung aus der Konfrontation mit einem Staat, einem Westberliner Senat und dessen Polizeiapparat und nicht zuletzt aus der Erfahrung massenmedialer Denunziation als „langhaarige Affen“ oder als „Ratten und Schmeißfliegen“ (Franz Josef Strauß) entstanden ist. Sympathie für das poststalinistische System der DDR oder in ihr gar eine politische Zielsetzung zu sehen, war immer einer Minderheit im vielstimmigen Chor der sogenannten 68er vorbehalten. Seriös kann man keine Erkenntis aus der Akte Kurras entnehmen, die an der Entstehung, an den Folgen und ihrer Bewertung im historischen Kontext Bundesrepublik etwas ändern würde.

Die 68er, worauf man eine Periode reduziert, deren gesellschaftliche Bedeutung zur Überwindung einer restaurativen Nachkriegsrepublik und ihres Beschweigens der NS-Vergangenheit für die Verfasstheit der demokratischen Kultur dieses Landes unbestritten ist, erscheinen in der Doppelgesichtigkeit des ehemaligen Westberliner Polizisten und Todesschützen Kurras in keinem anderen Licht, sein Handeln und sein Freispruch durch die Westberliner Gerichte gehören in den in der Tat problematischen historischen Kontext von Kommunismus-Furcht und verdrängter Nazi-Vergangenheit. Günter Grass in diesen Zusammenhang zu stellen ist zumindest leichtfertig, auch respektlos und verharmlost das, was wir mit dem Signum „SS-Mann“ verbinden müssen, die staatliche Autorisierung zum millionenfachen Massenmord. Günter Grass war 17 Jahre, und alle dokumentierten und reflektierten Fakten kommen zu dem einhelligen Schluss, an seinen Händen klebt weder Blut, noch ist ihm eine ideologische Überzeugung als Nazi und Antisemiten glaubhaft nachzusagen, von seinem radikalen Engagement für die demokratische und antifaschistische Bundesrepublik als Erbe eines Jahrhundertverbrechens ganz zu schweigen.

Christian Pietà, Wendisch-Rietz

Kurras hat bei Übernahme in den Beamtenstatus einen Amtseid geleistet und diesen durch seine Stasi-Tätigkeit gebrochen. Sollte es für Meineid eine Verjährungsfrist geben und diese bereits verstrichen sein, so soll man ihn in Ruhe lassen. Erstens. Zweitens hat Frau Birthler recht, wenn sie klar und deutlich anmerkt, dass ohne Nachfrage keine Recherche gestartet wird. Eine Nachfrage hat es nicht gegeben. Die „Zufallsentdeckung“ der Stasi-Akte Kurras ist genau deswegen kein Zufall! Ein Zufall ist - philosphisch gesehen - immer der Schnittpunkt von mindestens zwei Gesetzmäßigkeiten. Welche sind diese in diesem Fall? Wir werden’s wohl nie erfahren.

Damals – sechs Jahre nach dem Mauerbau – war der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. Auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze wurde mit unlauteren Mitteln gekämpft.

Wir haben keinerlei moralischen Anspruch, die Geschichte umzudeuten, es würde in deren Verfälschung enden. Also lassen wir das Thema einfach fallen. Mögen Juristen weitere Schritte gegen Kurras unternehmen, wenn sie der Meinung sind, dass das notwendig sei.

Ing.-Päd. Gottfried Vogel, Teltow

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