Leserbriefe : GESUNDHEITSREFORM Apotheker bewusst geschädigt?

Unser Leser Reinhard Rodiger wirft der Gesundheitsministerin Zynismus vor. Ulla Schmidt antwortet

-

ZURÜCKGESCHRIEBEN

Zu „Reform kostet Apotheker 20000 Jobs“ vom 6. August 2003

Entscheidend ist nicht, dass durch diese Reform auch Apotheker ihren Job verlieren, vielmehr verliert die Gesellschaft eine funktionierende Infrastruktur ohne erkennbaren Ersatz. Frau Ministerin Schmidt sagt, die hohe Apothekendichte hätte sich noch nicht verringert. Das stimmt, wenn der Verlust von 10 000 Arbeitsplätzen im ersten Halbjahr und 10 000 weiteren im nächsten Halbjahr nicht zur Kenntnis genommen wird. Sie berücksichtigt nicht, dass nur Personal abgebaut wird. Dies hat keinen Einfluss auf die Apothekenzahl. Weiterhin unberücksichtigt ist der Verlust von tausenden Ausbildungsplätzen.

Sie will nicht sehen, dass allein Mietverträge und sonstige betriebliche Verpflichtungen nicht sofort kündbar sind. Viele Eigentümer müssten deshalb weiterarbeiten, auch wenn es sich wirtschaftlich nicht lohnt oder es an das Privatvermögen geht. Das geht nicht sofort in die Statistik ein. Ich betrachte deshalb eine solche Äußerung als blanken Zynismus, der einer ernsten Diskussion unwürdig ist. Man muss schon annehmen, dass das Unterschreiten der Wirtschaftlichkeitsgrenze der Apotheken bewusst erfolgt. Wenn von fallendem Schutzgartenzaun für Apotheker die Rede ist, so stimmt dies insofern, als mit der bisherigen Ordnung ein ganzes Bündel an für die Patienten/Kunden kostenlosen Dienstleistungen verbunden war. Dies bedarf eines Schutzes. Diese Leistungen müssten finanzierbar sein und Gewinnaussichten bieten, sonst werden sie nicht erbracht. Wenn die Gewinnaussicht wegfällt, ist es vorhersehbar, dass die Dienstleistungen wegfallen (Notdienst, flächendeckende Versorgung, Sicherung der richtigen Einnahme, soziale Betreuung, Fehlerkontrolle, Lieferschnelligkeit, individuelle Arzneizubereitung, Arzneimittelberatung, Bringdienst etc.). Dies ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Sicherheit der Patienten. Verfassungsrechtler werten allein diese Beeinträchtigung der Sicherheit als verfassungswidrig. Reinhard Rodiger, BerlinWedding

Sehr geehrter Herr Rodiger,

die Leser wundern sich: Hatte es doch gerade noch geheißen, dass die anstehende Gesundheitsreform Apotheken und Pharmaindustrie angeblich verschone. Dem ist nicht so. Dies zeigt auch ihre Zuschrift. Sehr wohl werden jetzt längst überfällige Modernisierungen in der Arzneimittelversorgung angegangen: Versandhandel und Internethandel werden zugelassen – aber natürlich unter den gleichen Sicherheitsbedingungen wie sie für Apotheken gelten. Und der Apotheker als Heilberuf wird gestärkt, weil er künftig ein Service-Honorar erhält und nicht wie bisher nach dem Vorbild des Einzelhandels um so mehr verdient, je teurer das Arzneimittel ist.

Ihr Leserbrief zeigt aber auch erneut die bedauerliche Neigung der Gesundheitslobby, mit maßlosen Übertreibungen gegen nötige Veränderungen Stimmung zu machen. Bereits für dieses Jahr hatten Apotheker-Verbände ein „Apothekensterben“ angekündigt. Es hat nicht stattgefunden und wird auch nächstes Jahr nicht stattfinden.

Es bleibt dabei: Patientinnen und Patienten können sich darauf verlassen, dass sie auch in Zukunft ihre Arzneimittel wohnortnah und sicher in der Apotheke erhalten können. Apothekerinnen und Apotheker wird diese Reform nicht zu Benachteiligten dieser Gesellschaft machen; sie werden als Freiberufler auch weiterhin ein überdurchschnittlich gutes Auskommen haben. Es sei ihnen gegönnt.

Ulla Schmidt

Bundesministerin für Gesundheit

0 Kommentare

Neuester Kommentar