Leserbriefe : Gewiss gefühlt

-

Berichterstattung zur Klimakatastrophe

Heute wird alles wissenschaftlich zerlegt. Selbst Lebensweisheiten und Banalitäten werden nur noch ernst genommen, wenn sie analysiert, empirisch erforscht und statistisch ausgewertet wurden. Nur bewiesene Aussagen sind wahr. Wissenschaft ist unser Bezugssystem für „Wahrheit“, sie ist Maßstab unserer Gewissheiten. Damit hat sie die Rolle übernommen, die die Scholastik im Mittelalter innehatte. Was unterscheidet denn Scholastik von Wissenschaft? Die erste Entgegnung lautet: „Wissenschaft ist empirisch und bedeutet Gewissheit!“ Erkenntnistheoretisch ist dies, wie wir seit Karl Popper wissen, (leider) falsch. Es bleibt „gefühlte“ Gewissheit. Die zweite Entgegnung lautet: „Der technischen Fortschritt beweist es!“ Waren die gewaltigen Bauwerke der Gotik für die Menschen jener Zeit nicht ein ebenso mächtiger Beweis für die „Wahrheit“ ihres Glaubens? Was wird von unseren Werken in 900 Jahren noch übrig sein? Welche unserer Gewissheiten haben dann noch Relevanz? Und dann ist da die „Endzeitstimmung“. Für die Menschen des Mittelalters war es klar: Das jüngste Gericht wird kommen! Für uns gilt: Die Klimakatastrophe wird kommen! Vor einem Jahr war es die Vogelgrippe, vor 5 Jahren das Ozonloch, vor 20 Jahren das Waldsterben. Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Die Prognostizierbarkeit von Zukunft, früher in den Händen von Priestern, ist heute in den Händen der Wissenschaftler. Bei einer Untersuchung von 25 000 Prognosen der Vergangenheit wurde festgestellt, dass 80 Prozent nicht eingetroffen sind. Sind die Prognosen der Wissenschaft wirklich „valider“ als die des Orakels von Delphi? Zwei Millionen Jahre Erfahrung des homo sapiens sind genetisch, kulturell und pädagogisch transportiert, Bestandteil unseres Wissens. Sicher hat dieses Wissen mehr „Fortschritt“ gebracht als 200 Jahre moderne Wissenschaft.

Peter Kleimeier, Berlin-Friedenau

0 Kommentare

Neuester Kommentar