Leserbriefe : Gibt es in Afghanistan gemäßigte Taliban?

„Bundesregierung will gemäßigte Taliban

einbinden“ vom 14. August

Es ist schon beeindruckend, mit welchen Kunstgriffen unsere Politiker fehlendes Rückgrat und ihre Bereitschaft zum einknicken gegenüber islamistischen Terroristen zu bemänteln versuchen. Da gibt es jetzt also plötzlich die Spezies des gemäßigten bzw. moderaten Taliban. Da man nach Vertretern dieser Gattung bislang vergeblich Ausschau hielt, haben wir es hier wohl mit einem evolutionären Quantensprung zu tun. Was kommt wohl als nächstes? Der tolerante Nazi? Der „emphatische Serienmörder“? Es zeigt sich hier wieder in aller Klarheit: Kein Blödsinn, den die Herren Volksvertreter uns nicht zumuten würden!

Sollen Sie doch einfach zugeben, dass alles ist wie immer: Abseits des markigen Gequatsches vom Krieg gegen den Terror oder der bereits am Hindukusch zu verteidigenden Sicherheit Deutschlands, ungeachtet aller pathetischen Beschwörungen von Bündnistreue – sobald es gefährlich wird, klemmt am bei uns den Schwanz ein. Dann wird mit windigen Manövern auch schnell mal ein Saulus zum Paulus, pardon: zum „moderaten“ Taliban, nur um nicht selbst zum Ziel der Mörder zu werden und schon mal den stillen Abgang zu proben. Bloß keine Opfer für die hehre Sache – und wenn doch, sollen bitte andere dafür verantwortlich sein (am besten natürlich die Amerikaner). Gerade weil die Taliban und andere Terroristen inzwischen bestens wissen, wie pflaumenweich, heuchlerisch und wenig belastbar der Westen wirklich ist, fahren sie genau die Strategie, die momentan zu beobachten ist. Natürlich ist furchtbar was augenblicklich in Afghanistan geschieht. Dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen, gelingt manchmal aber nur mit Blut, Schweiß und Tränen. Kluge Leute wussten das immer.

Rainer Kientopf, Berlin-Staaken

Sehr geehrter Herr Kientopf,

im April sprach ich in einem Städtchen in Südostafghanistan mit Stammesältesten, unter denen einige durchaus Sympathien für die Taliban hegen. Sie erzählten vom örtlichen Polizeichef, der mit seinen Leuten am Freitag während des Gebets in die örtliche Moschee eindrang und den Betenden Uhren, Handys etc. abnahm. Als sie sich wehrten und einer der Polizisten dabei sogar ums Leben kam, rief der Polizeichef in Kabul an und meldete einen angeblichen Talibanüberfall. Der Mann ist immer noch im Amt. Die Ältesten fragten uns, wie sie mit solch einer Regierung zusammenarbeiten sollten. Ein Freund, der dort arbeitet, nannte die Ältesten „Anti-Korruptions-Taliban“.

Noch zu Zeiten des Talibanregimes warnte in einer Provinz südlich von Kabul der örtliche Talibanchef die dort tätigen – afghanischen wie ausländischen – Hilfsorganisationen, wenn sich ein Inspektionsteam aus Kabul angesagt hatte. Sie sollten so lange die in Privathäusern betriebenen Mädchenschulen schließen, bis die Delegation wieder weg sei.

Ich weiß nicht, ob dies Beispiele von „gemäßigten“ Taliban sind. Ich bevorzuge den Ausdruck „pragmatischere“ Taliban. Reden kann man mit manchen jedenfalls tatsächlich, auch schon, als sie noch an der Macht waren. Mancher Talib sorgt sich durchaus um die Nöte der Bevölkerung.

Deshalb halte ich es für richtig, mit bestimmten Taliban zu reden, um die Extremisten zu isolieren, die auf Terror setzen, vor allem gegen ihre eigenen Landsleute. Prinzipien, rote Linien sind dabei wichtig. Ein deutscher Politiker sagte, man dürfte nur Aufständische einbeziehen unter der Voraussetzung, „dass die Afghanen mehr Rechtsstaatlichkeit und Mitwirkungsmöglichkeiten in ihrem Staat erhalten“. Das halte ich für den entscheidenden Punkt. Ein Einknicken wäre das nicht.

Aber Verhandeln allein hilft auch nicht. Vorrangig muss das Wiederaufbauversprechen eingelöst werden, dass die Weltgemeinschaft 2001 den Afghanen gab. Dazu gehören nicht nur Schulen, Kliniken, Trinkwasserleitungen, sondern auch funktionierende Polizei und Gerichte.

Die ausländischen – einschließlich der deutschen - Soldaten sollten dafür sorgen, dass dieser Wiederaufbau auch in einem halbwegs sicheren Umfeld vonstatten gehen kann. In den Bergen des Hindukusch – und nicht einmal besonders erfolgreich - Terroristen zu jagen, ist kontraproduktiv, weil dabei stets auch Zivilisten getötet werden. Dies macht deren Familien wenn nicht zu Talibananhängern, dann zumindest zu Gegnern der Karsai-Regierung und ihrer ausländischen Helfer. Es gibt eine neue Direktive des Nato-Oberbefehlshabers in Afghanistan, Taliban lieber laufen zu lassen, als Zivilisten zu Schaden kommen zu lassen. Hoffentlich wird sie umgesetzt.

Ich hoffe also, dass die neue Diskussion über Afghanistan der Beginn davon ist, die Lage dort endlich realistisch einzuschätzen und darüber nachzudenken, wie man doch zum Ziel einer Stabilisierung – für uns und die Afghanen – kommen kann. Und nicht der Beginn für einen stillen Abgang.

Eines ist jedoch klar: Nur mit „Blut, Schweiß und Tränen“ – also militärischen Mitteln, wenn ich Sie recht verstehe – kann man die Probleme in Afghanistan nicht lösen. Nicht jeder Talib ist halt ein Terrorist.

Mit freundlichen Grüßen

— Thomas Ruttig, Dipl.-Afghanist, Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und

Politik, 2000–2006 in Afghanistan.

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