Leserbriefe : Gilt der Bachelor in der Wirtschaft als vollwertiger Studienabschluss?

-

„Die Turbostudenten“ vom 16. April

Der Autor hat Recht damit, dass sich die Studienzeit bis zum ersten Abschluss durch Einführung der Bachelor-Studiengänge (wesentlich) verkürzen wird, jedoch vergaß er hierbei zu erwähnen, dass dieser neue Abschluss gänzlich nicht mit den bisherigen Magister- und Diplomabschlüssen zu vergleichen ist. Viel mehr ist es so, dass man sein Studium erst durch ein anschließendes Masterstudium zu einem „vollwertigen“ Abschluss aufwerten muss. „Vollwertig“ deswegen, weil in den meisten Fächern ein Bachelor kaum mehr ist als ein „Vordiplom++“. Oder, wie es mögliche Arbeitgeber auch sehen könnten, ein Studienabbruch mit Auszeichnung. Gerade in den Naturwissenschaften ist es sehr fraglich, wie wissenschaftliches Arbeiten in sechs Semestern erlernt werden soll.

Im Übrigen ist nicht einmal gesichert, dass sich durch den geregelteren Studienverlauf die Dauer bis zum Master – den für die meisten Studenten wohl erstrebten Abschluss – überhaupt wirklich verkürzen wird. An einem kleinen Beispiel will ich deutlich machen, was ich damit meine: Ich selbst studiere Mathematik auf Diplom. Die Regelstudienzeit für diesen nicht mehr angebotenen Studiengang beträgt neun Semester. Viele Studenten überziehen diese, teils deutlich. Um dem entgegenzuwirken, hat der Fachbereich ein sogenannten Mentorenprogramm ins Leben gerufen. Jeder Student des Fachbereichs muss regelmäßig mit einem selbst gewählten Professor über seine Studienplanung reden. Die Langzeitstudenten wurden ganz plötzlich ganz schnell fertig, ohne dass der Staat regulieren musste. Die Regelstudienzeit für den Bachelor beträgt sechs Semester, der für den anschließenden Master, der benötigt wird, um einen dem Diplom gleichwertigen Abschluss zu erreichen, beträgt zusätzlich vier Semester. Insgesamt also eine Regelstudienzeit von zehn Semestern. Ein Semester mehr als vor der Reform!

Da soll mir noch mal einer erklären, was an dem Bachelor so Turbo ist.

Yaron Goldstein, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Goldstein,

die Wirtschaft verbindet mit der Umstellung der Magister- und Diplomstudiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse große Hoffnungen. Es geht darum, die Inhalte und Qualifikationsziele der Studiengänge den Bedingungen der modernen und sich stetig verändernden Berufswelt anzupassen. Die abgestufte und modular gestaltete Studienstruktur verspricht eine bessere berufliche Entwicklung durch eine kürzere Studiendauer, die Zunahme von Mobilität und eine stärkere Vermittlung methodischer Kompetenzen. Außerdem ist eine bessere internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse als bisher gegeben.

Eine repräsentative Umfrage der IHK Berlin, der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (uvb) und der Handwerkskammer Berlin unter 1300 Firmen aller Branchen und Größenklassen hat gezeigt, dass die Einführung der neuen Abschlüsse in den Unternehmen befürwortet wird und die Absolventen mit den neuen Abschlüssen gute Wettbewerbschancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Bereits mehr als zwei Drittel aller Berliner Unternehmen beschäftigen Bachelorabsolventen beziehungsweise können sich vorstellen, diese einzustellen.

Zudem möchte ich auf eine Befragung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft unter Personalverantwortlichen in deutschen Großunternehmen verweisen. Ergebnis: Der Bachelorabschluss gilt bei den Unternehmen als vollwertiger akademischer Abschluss. Die Mehrzahl der Unternehmer sieht den Abschluss allerdings ohnehin nur als eine Facette der beruflichen Entwicklung eines Bewerbers. Praktika, Zusatzkurse, Auslandssemester oder außeruniversitäres Engagement sind weitere Faktoren, die in die Beurteilung eines Bewerbers einfließen. Bachelor- und Masterabschlüsse allein sind kein Allheilmittel gegen zu lange Studienzeiten und verkrustete Lehrinhalte.

Positiv stimmt auch, dass die neuen Studienmöglichkeiten bei den Betroffenen selbst gut ankommen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Einstieg GmbH und Roland Berger Strategy Consultants zeigt, dass viele Studierende die Flexibilität der neuen Studienstruktur erkennen und sehr schätzen. So können Bachelorstudenten, die gleich in das Berufsleben einsteigen, noch vor dem Masterstudium praktische Erfahrung sammeln und so ihre individuellen Interessensschwerpunkte besser beurteilen.

Übrigens, die Berliner Hochschullandschaft hat auf die vom sogenannten Bologna-Prozess initiierte Reform der Studienabschlüsse hervorragend reagiert. Während im Bundesdurchschnitt derzeit 45 Prozent aller Studiengänge als Bachelor- und Masterangebote ausgewiesen werden, sind es in Berlin 78 Prozent!

Mit freundlichen Grüßen

— Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben