Leserbriefe : Glauben wir noch an die Kirche?

„Gut ohne Gott“ von Bas Kast

Alle eiern um das Kernproblem herum, welches die Kirchen nicht nur in Berlin haben: einem erstarkenden und zunehmend raumgreifenden Islam setzt eine durch Alt-68, Hedonismus und appeasementgeprägte Erziehung in Schule und Gesellschaft geprägte deutsche Bevölkerung nur noch die Kraft ihrer Kirchenaustritte und ihr feiges Wegducken entgegen. Dementsprechend wird die Institution Kirche geschwächt.

Ohne diese Institution wird es aber nicht gehen bei der Weitergabe der durch die Reformation, Aufklärung und bürgerliche Revolution transformierten christlichen Glaubensformen, die unsere Gesellschaft heute ausmachen, denn niemand wird sich privat nach Feierabend die Mühe machen, diese Traditionen weiterzugeben. Es geht nicht um „verunsicherte Christen“, sondern um die „Verunsicherten“ oder besser: Gleichgültigen, die einmal Essengehen im Monat mehr raushaben durch Einsparung der Kirchensteuer. Jetzt wird darüber räsoniert, wenn „die“ Kirchen, und nicht nur die verfassten, vor unlösbaren Problemen stehen, wenn Arbeitsplätze (78 Prozent des Kirchensteueranteils), Kirchen und Gemeindehäuser erhalten werden müssen. Jeder und jede, der/die aus der Kirche ausgetreten ist oder diese Arbeit anderweitig finanziell nicht mitträgt, ist für die ganze Abwärtsspirale des Traditionsabbruchs und die Leere unserer Gesellschaft mitverantwortlich.

Das hört man nicht gern, aber schon die Propheten des Alten Testamentes wurden nicht gerne gehört. In 30 Jahren wird das alles anders aussehen: Islam in der 4. Schulstunde wird selbstverständlich sein, der Regierende Bürgermeister wird dies mit dem Blick auf neue Wählerproportionen und seinen muslimischen Koalitionspartner beflissen begrüßen und die übrig gebliebenen mehrheitlich konfessionslosen deutschen Bevölkerungsteile werden sich verwundert fragen, warum die Kirchen reihenweise abgerissen werden, denn da müßte „die Kirche“ doch eigentlich „viel aktiver“ drauf reagieren.

Jörg Strodthoff, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Strodthoff,

Umfragen wie etwa jüngst die der Bertelsmannstiftung zeigen, dass es nach Jahren des „Verdunstens des christlichen Glaubens“ wieder eine Rückkehr des Religiösen gibt. Allerdings ist diese neue Religiosität sehr unbestimmt. Viele suchen etwas „Göttliches“ – aber nicht den Gott, zu dem sich die Christen bekennen. Viele suchen Spiritualität, geistliches Leben, Geborgenheit und Halt – jedoch nicht in den Kirchen als Orte des gelebten Glaubens. Und viele suchen Gewissheiten – aber nicht in der Bibel.

Diese Suche stellt vor allem die Kirchen vor eine große Herausforderung. Denn Menschen, die Gott suchen, haben ein Anrecht darauf, von den Christen zu erfahren, an welchen Gott sie glauben und warum dieser Glaube Relevanz für das eigene Leben hat.

Wer ist Gott? Und warum soll man gerade an diesen glauben und nicht an einen anderen, oder an ein göttliches Wesen?

Viele Menschen kennen die wesentlichen Aussagen des christlichen Glaubens nicht mehr, weil viele Menschen keine Erfahrungen mit Gott gemacht haben, weil Gott vielen Menschen einfach fremd geworden ist.

Wieso das so gekommen ist und was oder wer dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht holzschnittartig beschreiben. Und darum sollte es auch gar nicht gehen. Viel wichtiger ist es für gläubige Christen, jetzt und in Zukunft wieder mehr zu tun: Denn es ist höchste Zeit, von Gott zu reden. Mit dem Pfarrer, der Lehrerin, dem engagierten Mitglied der Gemeinde oder dem Christen in meiner Nachbarschaft, aber auch mit der Kollegin und dem Kollegen, der Freundin oder dem Freund.

Als Christen sollten wir wieder öffentlicher bekennen: Gott ist der Schöpfer der Welt. Er hat sich den Menschen zugewandt und wurde aus Liebe zu uns schließlich selbst Mensch. Das feiern wir am Weihnachtsfest, und das ist wirklich eine frohe Botschaft! Wir feiern, dass Gott in Jesus Christus ein menschliches Gesicht hat, dass wir mit ihm reden und ihm vertrauen können. Das besondere Kennzeichen von Jesu Wirkens in der Welt war seine bedingungslose Hingabe für uns Menschen. Davon zeugen die vielen Heilungen, sein Verständnis für die Schwachen, die Sünder und die Gestrandeten, sein Tod und seine Auferstehung. Er war immer auch auf der Seite der Verlierer, der Ausgestoßenen und der Entrechteten. Gott ist die Liebe - und das hat etwas sehr Beruhigendes. In ihm können wir uns geborgen fühlen, er gibt uns Halt. Und er kann so für viele Suchende die Antwort auf die Frage nach einem sinnvollen Leben sein. Wir müssen nur davon erzählen.

Mit freundlichen Grüßen

— Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe in Berlin

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