Leserbriefe : Graffiti-Sprayer fliegen durch Hubschraubereinsätze nicht auf

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„Die unwirtlichen Städte“

vom 8. April 2005

Zu Herrn van Bebbers Kommentar kann ich nur sagen, dass ich zwei miese Nächte dank des hysterischen Hubschraubereinsatzes verbracht habe.

Sprayer haben mich dagegen noch keine Minute meines Schlafs gekostet. Dass gegen Sprayen vorgegangen werden muss, ist ja nachvollziehbar. Es wäre nur schön, wenn mit gleichem Einsatz auch an anderen Fronten der Stadtverschandelung gehandelt würde. Und damit wären wir wieder beim Dauerbrenner Hundekot, bei dem sich wunderbar zeigt, dass nicht nur einer Minderheit von Sprayern egal ist, ob ihre Auffassung von Stadtraumgestaltung mehrheitsfähig ist. Es scheint nämlich auch so gut wie allen Hundebesitzern am Hinterteil ihrer Lieblinge vorbeizugehen, dass Hundescheiße allerorten nicht nur stinkt, sondern auch beschissen aussieht. Meine Eltern, die im Februar eine Woche in Berlin verbracht haben (nicht zum ersten Mal), haben sich regelrecht angewidert über die allgegenwärtigen Kotalleen geäußert (auch nicht zum ersten Mal). Von Graffiti war in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Und damit stehen meine Eltern unter den Berlin-Touristen, die mir begegnet sind, nicht alleine. Im Übrigen sollte es aber schon reichen, dass die Bewohner dieser Stadt im Hundeklo leben müssen. Da ist die Außenwirkung hoffentlich nur ein Zusatzargument.

Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die Helden vom Ordnungsamt nicht nur Parkzettel an Autos heften, deren Besitzer außer Sicht zu sein scheinen (dann regen die sich nämlich erst auf, wenn die Ordnungsamtler wieder weg sind), sondern auch Hundebesitzern nachhaltig auf die Füße treten, die mit ihren süßen Kleinen mal wieder auf dem Klo (andernorts Gehweg) sind. Das könnte nur unangenehmer sein, weil die anwesenden Hundebesitzer sicher weniger friedlich sind als die abwesenden Autofahrer.

Patrick Grommes, Berlin-Charlottenburg

Lieber Bundesgrenzschutz,

können Sie bitte die Hubschrauber statt auf die Sprüher bitte auf die Hundehalter ansetzen? Ja zugegeben, die Qualität der Sprüher hat wirklich nachgelassen und die einstmals so wunderschönen Werke werden heute von irgendwelchen ungeübten Dilettanten ausgeübt, und das ist wirklich sehr hässlich. Den Dreck von diesen tausenden von Hunden, den man hier wie im Mittelalter auf die Gehwege und die Parkanlage schmeißt, empfinden die meisten Bewohner dieser Stadt aber als noch viel, viel hässlicher.

Thomas Wommelsdorf, Berlin-Mitte

„Bundesgrenzschutz mit Hubschrauber auf Sprayer-Jagd“ vom 7. April 2005

Auch wenn Proteste gegen BGS-Einsätze unzulässig sind; es bleibt die Frage der Verhältnismäßigkeit: Da wird im wahrsten Sinne des Wortes „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“. Den Bewohnern wird da mehr zugemutet als bei Terroristenjagd oder Bush-Besuch – und das wegen bloßer Sachbeschädigung: Manches in Berlin sieht ohne Verzierung auch nicht besser aus.

Prof. Dr. Klaus Brake, Berlin-Wilmersdorf

Was kommt als Nächstes? Spähpanzereinsatz gegen Taschendiebe auf dem Kurfürstendamm?

Robert Jämmrich, Berlin-Wilmersdorf

Dass die S-Bahn großen Schaden durch Graffiti erleidet, ist unschön, dafür zahlen wir aber lieber mit unseren Steuern als mit unserer Gesundheit. Derartige Einsätze sind übertrieben, unverhältnismäßig, angeberisch.

Ditte Schmidt, Berlin-Wilmersdorf

„Die Filme zum Ärgernis“ und „Sollen Ein-Euro-Jobber für den Frühjahrsputz herangezogen werden?“ vom 27. März 2005

Ich bin Kurator und Mitorganisator der Veranstaltung „Rhythm Of The Line, Internationales Graffiti & Hip Hop Filmfestival“. Ihr Artikel hat mich sehr betroffen gemacht. Unsere Veranstaltung ist kein Treffen einer kriminellen Szene, sondern ein Filmfestival. Wir hatten an fünf Tagen 2500 Besucher und keinen Ärger mit Schmierereien. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen irgendwelchen Schmierereien zu Ostern und unserem Festival. Diese Behauptung ist aus meiner Sicht genauso plausibel wie ein Zusammenhang von einem Kongress von Meteorologen und schlechtem Wetter.

Frank Lämmer, Berlin-Kreuzberg

„Streitfall Graffiti“ vom 7. April 2005

Beim Thema Graffiti reagieren die meisten Menschen wie der Stier auf das rote Tuch. Das führt nur zu blinder Wut. Sie haben einen Sprayer zu Wort kommen lassen, dafür sei Ihnen gedankt, denn zu einer Auseinandersetzung gehört es, beide Seiten zu hören. Graffiti gehört zur Hip-Hop-Jugendkultur, die ernst genommen werden sollte. Die Ausgrenzung eines Teils unserer Jugend als „Vandalen mit der Spraydose" ist kontraproduktiv. Viele Sprayer suchen mit ihrer Kunst die Anerkennung, die ihnen im alltäglichen Leben oft versagt wird. Nur eine sinnvolle Jugendförderung mit weitreichenden Angeboten kann prophylaktisch wirken und damit beiden Seiten helfen. Unzureichende Jugendarbeit verschärft die Probleme und missachtet die Bedürfnisse junger Menschen.

Hartmut Raatz, Berlin-Steglitz

„Gute Nacht“ vom 7. April 2005

Mit Ihrer Glosse und Ihrem Artikel zu den BGS-Hubschrauberflügen haben Sie mir und meiner Frau aus dem Herzen gesprochen. Auch in der Nacht zum Donnerstag donnerte der Helikopter über Charlottenburg und ließ uns nachts nicht schlafen. Wir dachten ja anfangs, es handele sich um Bauarbeiten der Bahn, wofür wir ja noch Verständnis hätten. Aber sinnlose Flüge in der Nacht, um angeblich Sprayer zu fangen, sind blinder Aktionismus und ein Zeichen von Unfähigkeit, weil man der Sache auf der Erde nicht Herr wird.

Klaus-Jürgen Fischer, Berlin-Charlottenburg

„S-Bahn kam mit Säubern nicht hinterher“ vom 30. März 2005

Es ist ein beschämendes Bild – die Abbildung des graffitibeschmierten S-Bahnzuges. Eventuell regt dies aber ein wenig zum Nachdenken an. Eigentlich ist es seit langem schon ein trauriges Eingeständnis unserer Gesellschaft, den Graffitischmierereien nicht beizukommen und ihnen machtlos gegenüberzustehen. Nur Mut muss der Staat haben, außergewöhnliche Strategien zu entwickeln und dies auch mit gleichbleibender Energie zu verfolgen. Unfassbar ist es außerdem, dass die S-Bahn-Verwaltung es noch nicht fertig bekommen hat, ihre Züge auch nachts besser bewachen zu lassen.

J.F.Wilhelm Hörnicke, Berlin-Mitte

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