Leserbriefe : Gute Schulen gibt es nicht zum Nulltarif

„Note fünf für jede fünfte Berliner Schule“ von Susanne Vieth-Entus vom 1. Juli

Herr Zöllner erkennt zu schnell, dass das Qualitätsproblem ein Führungsproblem ist. Neben einer guten Qualifikation als Führungskraft der Schulleiter sind für die Qualitätsentwicklung im erheblichen Maße die institutionellen Rahmenbedingungen von Bedeutung. Die Probleme in der Berliner Schullandschaft bei der Qualitätsentwicklung kann man nicht einfach den beteiligten Personen als Defizit zuschreiben.

Immer wieder wird die Selbstständigkeit der Schule betont. Leider findet diese Selbstständigkeit de facto nicht statt. Mitarbeitergespräche mit entsprechenden Zielvereinbarungen werden vom Personalrat unterlaufen. Personalauswahl und -planung kann faktisch nicht geschehen, da die vorhandenen Lehrerbestände zu einer Einhundertprozentabdeckung des Unterrichts innerhalb der Bezirke verschoben werden, ohne dass ein Schulleiter darauf einen Einfluss hätte. Leider ist es auch so, dass die Verantwortlichen in der Schulaufsicht fast ausschließlich aus dem Grundschulbereich kommen und somit keinerlei Erfahrung mit den gymnasialen Problemen der Fachunterrichtsbesetzung haben. Ergo werden unsere „Schulperlen“ dilettantisch verwaltet. Welcher Schulleiter sollte sich gegen hierarchische Ignoranz durchsetzen können?

Zur Qualitätsentwicklung an Schulen brauchen wir nicht nur gut ausgebildete Schulleiter. Wir brauchen Fachbereichsleiter, die ihren Führungsauftrag ernst nehmen, Lehrer, die bereit sind, ihre Paradigmen infrage zu stellen, eine Schulaufsicht, die ernst zu nehmende Durchsetzungsinstrumente schafft, einen Personalrat, der nicht erhaltend und bewahrend agiert, sondern vor Innovation nicht zurückschreckt, und nicht zuletzt Politiker, die ihre Low-Budget-Strategie nicht immer wieder mit Nebelbomben zu verschleiern versuchen, sondern den Bildungsauftrag ernst nehmen. Qualität gibt es nicht zum Nulltarif, auch wenn das einige Zeitgenossen gern so hätten.

Hans-Jürgen Berg-Rupprecht,

Falkensee

Die massiven Umwälzungen, die zu einer grundlegenden Innovation des Berliner Schulwesens führen sollen, will man zum Nulltarif haben. Es soll nichts kosten, aber sich gut präsentieren lassen in der Öffentlichkeit. Wenn man von Lehrern verlangt, dass sie mit neuen Methoden souverän und erfolgreich unterrichten und bei der Gestaltung des Schulprogramms aktiv mitarbeiten, dann muss man ihnen Zeit zur Vorbereitung, zur Fortbildung, zur Auswertung der neuen Erfahrungen geben und die passenden äußeren Bedingungen schaffen. Nichts davon wird ihnen gewährt! Ganz im Gegenteil – man erhöht den Lehrern die wöchentliche Pflichtstundenzahl, man streicht ihnen die ohnehin geringen (in diesem Beruf dringend notwendigen) Altersermäßigungsstunden, reduziert ihr Einkommen und lässt Zustand und Anzahl der Schulräume unverändert.

Gleichzeitig werden die Einstellungs- und Arbeitsbedingungen für junge Lehrer kontinuierlich verschlechtert, so dass immer mehr gut qualifizierte Berufsanfänger Berlin den Rücken kehren. Angesichts dieser Bedingungen ist es doch geradezu bewundernswert, dass immerhin 80 Prozent der inspizierten Schulen mindestens der geforderten Qualität entsprechen! Die Konsequenz des Schulsenators, Schulleiter besser zu qualifizieren, ist dagegen völlig unzureichend.

Es wird Zeit, die Bedingungen der Berliner Lehrer deutlich zu verbessern (will heißen, wenigstens die Verschlechterungen zurückzunehmen!), damit sie effektive Arbeit zum Wohle der Kinder leisten können und sich sowohl mit anderen Unterrichtsformen als auch mit den vielfältigen Erziehungsaufgaben auseinandersetzen können, die in zunehmendem Maße der Schule überlassen werden.

Manfred Belka, Berlin-Lichterfelde

Wenn Lehrer, insbesondere an den Oberschulen, mit 26 Wochenstunden belastet sind, immer mehr Prüfungs- und Berichtspflichten unterliegen und für Fortbildung keine zeitliche Entlastung mehr gewährt, diese aber zur Pflicht gemacht wird, ist es kein Wunder, dass neue oder andere Methoden kaum Einzug in die Schule halten. Hinzu kommt die Tatsache, dass Klassen mit 30 Schülern inzwischen die Regel sind. Unter diesen Umständen ist sorgfältige Stundenvorbereitung und Auswahl angemessener Methoden – als Allheilmittel wird ja nun plötzlich die Binnendifferenzierung gefordert – kaum möglich.

Heinz-Peter Schwarz, Berlin-Spandau

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