Leserbriefe : Gymnasien dürfen keine Mogelpackung werden

Berichterstattung zum NC für das Gymnasium, 17. Mai.

„Opposition und SPD sind gegen einen strengen Numerus clausus für

Gymnasien. Ein NC ließe Migranten kaum noch Chancen. So der Beginn eines Artikels im Tagesspiegel.

Man fragt sich, Chance worauf? Wird diesen Kindern das Abitur versagt? Nein! Sie sollen nur auf die neue Schulform, die integrierte Sekundarschule, gehen. Haben noch vor kurzem dieselben Schlagwortproduzenten den Slogan „Sekundarschule ist eine Gesamtschule plus“ geprägt und die großen Vorteile gepriesen, so wird aus den jetzigen Forderungen deutlich, die zukünftige Sekundarschule wird in den Augen ihrer Erfinder bzw. Befürworter zur Restschule werden. Dies muss nicht der Fall sein! Wird es aber, wenn noch vor der ersten Gründung die Angst vor dieser Schulform geschürt wird. Die benachteiligten Kinder haben nicht das Gymnasium verdient, sondern eine gute Schule. Warum kann dies keine Sekundarschule sein? Gut funktionierende Gesamtschulen zeigen die Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder seit vielen Jahrzehnten. Viele Schüler, die mit einer Real- bzw. Hauptschulempfehlung an diese Schulen gekommen sind, haben Abitur gemacht. Ich fordere die Parteien auf, geben Sie der Sekundarschule die Chance, die sie verdient! Machen Sie die Sekundarschule nicht zur Restschule!

Lutz Kreklau,

Schulleiter der Martin-Buber-Gesamtschule, Berlin-Spandau

Die Debatte um die Bildungsstrukturreform entwickelt sich zunehmend zum Glaubenskampf: irrational, angstbeladen und rigide. Wenn Migranten bei einem hohen NC für den Zugang zum Gymnasium geringe Chancen hätten, dann muss man eben dieses ändern – das ist eine Aufgabe der vorschulischen und Grundschulerziehung – und nicht die Aufnahmekriterien.

Wenn die Grundschulempfehlungen nicht vergleichbar sind, dann muss man sie durch eine zentrale Aufnahmeprüfung ersetzen. Sie müsste aus einem sprachlichen und einem sprachfreien Teil bestehen, wobei der letztere bei Migrantenkindern stärker gewichtet wird.Monika Lange, Potsdam

Die Schulstrukturreform ist offenbar auf bestem Weg, zu einem Reförmchen zu werden, an dessen Ende als einziges Ergebnis die Abschaffung der Hauptschule steht. Für die Gymnasien ändert sich, folgt man der jüngsten Debatte, nichts. Sie sollen weiter alle Schüler aufnehmen können, ob nun für den 12-jährigen Weg zum Abitur geeignet oder nicht. Dass es diesen Bestandsschutz auch für Gymnasien geben soll, deren Zusammensetzung schon jetzt alles andere als „gymnasial“ ist, spielt keine Rolle. Hauptsache auf dem Briefkopf der Schule steht „Gymnasium“.

Dass nun auch noch ganz offen dafür plädiert wird, verschiedene Maßstäbe anzulegen für Gymnasien mit hohem Migrantenanteil und solchen ohne, ist dann nur konsequent. Was eigentlich hindert „Gymnasien“ daran, sich auf den Reformweg zu machen und Sekundarschulen zu werden? Sie bekommen die Ausstattung für den Ganztagsbetrieb, können leistungsdifferenziert arbeiten und den Schülern neben dem 12-jährigen auch den 13-jährigen Weg zum Abitur bieten. Aber all das wäre doch genau richtig, um mit Schülern zu arbeiten, die schon jetzt nur aufgenommen werden, um den gymnasialen Standort zu erhalten.

Dieses Klammern an einem Namen statt Suche nach neuen Möglichkeiten der Förderung verärgert mich als Leiter einer Gesamtschule, die sich bereits vor über 30 Jahren aus einem (erfolgreichen!) Gymnasium auf den Weg zu einer integrativen Gesamtschule gemacht hat. Von Anfang an war sie auch bei Eltern leistungsstarker „Gymnasialkinder“ so stark nachgefragt, wie es manche der auf den Namen „Gymnasium“ fixierten Schulen gerne sein möchten. Merke: Nicht der Titel einer Schule ist wichtig, sondern ihr Konzept.

Klaus Brunswicker,

Sophie-Scholl-Oberschule,

Berlin-Schöneberg

Die Berliner Bildungspolitik muss sich entscheiden: Will sie Gymnasien haben, in denen zum Wohle unseres Landes die künftige geistige Elite herangebildet wird, oder setzt sie lieber auf sich als Gymnasien tarnende „Mogelpackungen“, in denen in erster Linie „geistige Sozialpolitik“ betrieben wird? Sollte Letzteres der Fall sein, schlage ich vor, das Gymnasium als Institution doch gleich ganz abzuschaffen – das wäre nur konsequent. Völlig abzulehnen ist hingegen der Vorschlag Ihrer Autorin, die „gymnasiale Vielfalt“ zu erhalten und neben den leistungsorientierten Gymnasien auch solche Gymnasien weiterexistieren zu lassen, die von ihrem Anspruch her eher Realschulen sind. Es steht schon jetzt zu befürchten, dass das Abitur an der künftigen „Sekundarschule“ in der Öffentlichkeit als geringwertiger empfunden werden wird als das an einem Gymnasium.

Dr. Stefan Lorenz, Berlin-Rudow

Der Reformeintopf ist angerichtet, und es wird auch für die Verantwortlichen wahrscheinlich unterdessen zur Strafarbeit, die halbwegs brauchbaren Zutaten herauszuschmecken. Der Kommentar von Frau Vieth-Entus zum jüngsten Aufreger in der Debatte, dem Gymnasialzugang, setzt die Akzente wohltuend richtig.

Nötig ist eine Organisationsstruktur für das Berliner Schulwesen, die den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler hinsichtlich Kenntnisstand, Können, Lernbereitschaft und Leistungsvermögen gerecht wird – und die jungen Menschen individuell angemessen fördert. Hierfür ist es gerade im Zuge überbordender Standardisierung und Zentralisierung des Prüfungswesens wichtig, den plakativen Reformleitsatz der „Schule in eigener Verantwortung“ mit Leben zu erfüllen.

Dazu gehört im Zusammenhang mit einer sinnvollen Regelung des Gymnasialzugangs: Profilierung des Bildungsangebots unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Umfelds und Einzugsbereichs; profilgerechte Einflussnahme der einzelnen Schule auf die Zusammensetzung von Lehrkörper und Schülerschaft durch entsprechende Aufnahmegespräche und Probezeiten; Erhaltung der Korrekturmöglichkeiten in einmal eingeschlagenen Schullaufbahnen: Wem bloß mag eingefallen sein, Schüler und Schule zur Zwangsgemeinschaft zu verdonnern, wenn sich herausstellt, dass sie ganz und gar nicht zueinanderpassen?

Karsten Unger, Berlin-Heiligensee

Die USA haben in vielen wissenschaftlichen Disziplinen einen erheblichen Vorsprung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es dort eine große Anzahl von öffentlichen und privaten Colleges und Elite-Highschools gibt. Warum stemmen sich die Verantwortlichen in Berlin vehement gegen die Einrichtung von Gymnasien, die nicht Kinder zulassen wollen, bei denen abzusehen ist, dass sie scheitern werden? Einige linke Politiker gehen sogar so weit, dass sie die Probezeit abschaffen wollen. Das Argument, man behindere mit Zugangsbeschränkungen die Aufnahme von Kindern bildungsferner Familien in den Gymnasien, halte ich nicht für stichhaltig, haben sie doch in Oberstufenzentren und in den Sekundarschulen die Möglichkeit, das Abitur abzulegen. Wenn Berlin eine Chance haben will, ein besseres Ergebnis bei der nächsten Pisa-Studie zu erreichen, dann sollte man wieder mehr Wert auf Leistung legen und den Gymnasien die Möglichkeit geben, sich ihre Schüler auszusuchen, womit ich nicht sagen möchte, dass auch andere Schulformen nicht leistungsstarke Abiturienten hervorbringen.

Karl-Heinz Tessendorf, Berlin-Steglitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben