Leserbriefe : Haben in Deutschland alle gleiche Bildungschancen?

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„UN: Deutsche Schulen sind nicht gut genug“

vom 22. Februar 2006

Die im Rahmen externer Untersuchungen wie Pisa und nun auch von Herrn Munoz gemachte Feststellung des Zusammenhangs von Lernerfolg und familiärem Hintergrund wird von allen Medien fröhlich und unhinterfragt mit der Kurzformel „Zusammenhang von Armut und Bildungschancen" kolportiert. Als ob die Lehrer an unseren öffentlich-rechtlichen Schulen die Kinder einer Klasse je nach dem sozialen Status der Eltern unterschiedlich unterrichten würden, so dass sozusagen staatlich organisiert nur die Kinder der wohlhabenden eine hinreichende Qualifikation für weiterführende Schulen erlangen können.

Hier wird etwas verwechselt: Die Ungleichheit der Bildungschancen, die es in Deutschland wegen eines vernachlässigbaren Privatschulsektors und mangels Schulgeldpflicht überhaupt nicht gibt mit der Ungleichheit des Annehmens der unterschiedslosen Bildungsangebote. Nur, was soll die Schuldzuweisung für diese Annahmeverweigerungen ausgerechnet an den Staat? Der kann lediglich Symptome und Auswirkungen mindern durch Förderungsangebote oder Umstrukturierungen. Gegen die eigentliche Ursache jedoch, nämlich den häuslichen Einfluss von Bildungsferne oder Gleichgültigkeit der Eltern kann der Staat bestenfalls aufklärerisch oder mittels „Fördern und Fordern“ vorgehen. Es ist nicht der unsinnige wohlfeile Zusammenhang „Weil du arm bist, kannst du nichts lernen“ sondern vielmehr „Wenn du nichts lernst, bleibst du arm“ auf dessen motivierende Kraft die Diskussion zur dringenden Verbesserung der Bildungssituation gründen müsste. Es ist wohl diese hier zu Lande aus Gründen der Political Correctness ausgestorbene Binsenweisheit, die uns andere Länder als Triebkraft voraushaben, neben offensichtlich auch sonst stimulierenderen Schulsystemen

Werner Strube, Berlin-Mitte

Sehr geehrter Herr Strube,

unbestritten hat die elterliche Unterstützung großen Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern. Deshalb müssen wir auch Eltern unterstützen, ihre Erziehungs- und Bildungskompetenzen zu verstärken. Nun ist allerdings im Gegensatz zu anderen Ländern der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland ganz besonders ausgeprägt. Laut Pisa-Studie sind bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Lesekompetenz die Chancen eines Jugendlichen aus der bildungsnahen Schicht, ein Gymnasium zu besuchen, viermal so hoch wie für einen 15-Jährigen aus einer Arbeiterfamilie. Das legt den Schluss nahe, dass das staatliche Bildungssystem doch einen erheblichen Einfluss auf die Bildungschancen hat und es anderen Ländern besser gelingt, ungleiche Startbedingungen auszugleichen. Es liegt also nicht nur, wie Sie schreiben, am „häuslichen Einfluss“ oder der „Gleichgültigkeit der Eltern“.

Deutschland verschenkt unheimlich viel Potenzial, wenn 12 Prozent der Jugendlichen die Schule abbrechen und die Kompetenzen eines Viertels der 15-Jährigen nicht über Grundschulniveau hinausreichen. Auf dem Weg in eine Wissensgesellschaft können wir uns das aus ökonomischen, sozialen und demokratischen Gründen nicht leisten! Ein staatliches Bildungssystem muss in der Lage sein, alle Kinder entsprechend ihrem Potenzial zu fördern. Der Satz „Weil du arm bist, kannst du nichts lernen“ ist natürlich unsinnig. Aber es gilt doch häufig „Weil du arm bist, traut man dir nicht so viel zu“. Es mag ja sein, dass Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft nicht unterschiedlich unterrichtet werden. Wenn es aber am Ende der Grundschulzeit um die Empfehlung für eine weiterführende Schule geht, schicken Lehrerinnen und Lehrer Kinder gleicher Intelligenz sehr oft auf unterschiedliche Schulformen, und zwar abhängig von Bildungsgrad und Beruf der Eltern (IGLU-Studie 2003). Damit geben sie zu erkennen, dass Schulen nicht zu einer umfassenden individuellen Förderung in der Lage sind. Korrigiert werden können solche Fehler kaum noch, weil das viergliedrige deutsche Schulsystem wenig durchlässig ist. Dann gilt der Satz „Weil man dir nicht zutraut, dass du was lernst, bleibst du arm“.

Aus diesem Teufelskreis gibt es im gegliederten Schulsystem kaum ein Entrinnen. Und selbst der vermeintliche Vorteil des gegliederten Systems – ein höheres durchschnittliches Leistungsniveau – lässt sich bei genauerem Hinsehen nicht feststellen. Im Gegenteil, das Leistungsniveau ist insgesamt niedriger als in Ländern, in denen Kinder länger gemeinsam lernen.

Für die Bildungspolitik heißt das: Das Aussortieren nach der vierten Klasse muss ein Ende haben. Kinder müssen länger voneinander lernen und individuell gefördert werden. Wir brauchen eine Ausweitung von Ganztagsschulen mit qualitativ hochwertigen Bildungsangeboten. Denn dann können wir Kinder, die zu Hause ein weniger ermutigendes Lernumfeld vorfinden, rechtzeitig individuell fördern. Beides zusammen wird zu mehr Erfolg für alle führen, für die Spitze und für die Breite. Mit freundlichen Grüßen

— Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin

der Grünen-Bundestagsfraktion

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