Leserbriefe : Haben junge Türken in Deutschland keine Lust auf Bildung?

„Wo Bildung zählt / Vietnamesen gehören in vielen Schulen zur Spitze / Türken gelten weiterhin

als Risikogruppe“ von Susanne Vieth-Entus

und „Nicht abgeschlossen“ vom 27. Januar 2009

Vor Jahren schon erbrachte eine Studie in Niedersachsen, dass Vietnamesen zu den am besten integrierten Zuwanderern zählen. Als Gründe wurden erkannt eine ausgeprägte Aufstiegsorientierung und die Bereitschaft, rasch die Sprache des aufnehmenden Landes erlernen zu wollen. Daran fehlt es ganz offenbar bei einem erheblichen Teil der aus der Türkei zugewanderten Menschen.

Sprache allein ist es nicht, es muss schon der Wille zu Aufstieg und Erfolg dazukommen und auch die Bereitschaft auf vorübergehenden Freizeit- und Konsumverzicht. Und hier scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen mangelhaft erfolgter Integration und enger Bindung an eine Religion, die zu Fatalismus neigt, für Bildung wenig Interesse zeigt und ein Denken zur Folge hat, das das Heil vor allem im Verbleiben in der eigenen, sprachlich und meist auch religiös einschlägig geprägten Gruppe sieht. Eine Ursachenforschung, die allerdings an Tabus rührt und von daher wenig Chancen hat, von offizieller Seite ernsthaft bedacht zu werden.

Die Gründe für das Scheitern der Integration vieler Türken sind nicht in einem „undurchlässigen“ und „Unterschichten den Zugang zu hochwertigen Ausbildungen prinzipiell erschwerenden Schulsystem begründet. Wieso schaffen es denn so viele Aussiedler, Vietnamesen und Zugewanderte aus bestimmten EU-Ländern? Im Gegenteil - wir hatten noch nie ein so durchlässiges, vielerlei Begabungen und speziellen Bedürfnissen entgegenkommendes, durch finanzielle Hilfen für einkommensschwache Schichten unterfüttertes Bildungssystem. Man muss es nur nutzen wollen!

Prof. Dr. Uwe Lehnert,

Berlin-Nikolassee

Sehr geehrter Herr Professor Lehnert,

es ist richtig, dass es bei den Vietnamesen, Aussiedlern und bei Einwanderern aus „bestimmten“ EU-Ländern eine ausgeprägte Aufstiegsorientierung gibt, die Sie bei der türkischen Bevölkerung nicht in diesem Maße sehen. Die jüngste Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt aber, dass unter Abiturienten die hier geborenen Türken stärker als jede Einwanderergruppe bereit sind, ihre Werte zu überdenken. Das heißt, die Veränderungsdynamik bei der türkischen Bevölkerung ist am höchsten. Hieraus schließe ich, dass der Wille, aus der eigenen Schicht aufzusteigen, in den unteren Schichten der türkischen Bevölkerung eine enorm positive Entwicklung zeigt.

Die Studie geht aber leider nicht auf die Erfolgsseite ein: Beispielsweise sind über 90 Prozent der Migranten und Migrantinnen in Bundes-, Landes- und Kommunalparlamenten türkeistämmig. Im Vergleich zu anderen migrantischen und deutschen Bevölkerungsgruppen liegt der Anteil der unteren Schichten (einkommensschwache Familien, Bildungsferne) in der türkischen Bevölkerung bei etwa 80 Prozent (bei den Deutschen 13 Prozent).

Aus diesem Grund sehe ich die Problematik eher im Sozialen als im Ethnischen. Die Wanderungsbewegungen kann man auch nicht ohne Weiteres miteinander vergleichen. Der Studie zufolge zeigen die Integrationsindikatoren eingebürgerter Türken ähnliche und vergleichbare Werte wie bei allen anderen Gruppen. Teilhabe ist für mich die wichtigste Voraussetzung, um Menschen mit anderen Biografien einzugliedern. Aussiedler etwa sind von Anfang an deutsche Staatsbürger, EU-Staatsangehörige haben fast die gleichen Rechte wie deutsche Staatsangehörige. Dies ist jedoch bei der türkischen Bevölkerung nicht der Fall.

Dass bei bestimmten Gruppen in der türkischen Bevölkerung orthodoxe Deutungen des Islam existieren, ist mir bekannt. Das führt auch zu Desäkularisierungstendenzen in Teilen der muslimischen Bevölkerungsgruppe. Überhaupt nehmen in unserer Gesellschaft Tendenzen zu Religiosität zu. Dies beobachte ich natürlich innerhalb der türkischen Bevölkerung. Daraus sollte man jedoch nicht automatisch auf einen Zusammenhang zwischen Glauben und Desintegration schließen.

Ich kenne keine einzige Mutter und keinen einzigen Vater, die sagen würden, Bildung ist für meine Kinder nicht wichtig. Umgekehrt versuchen viele Eltern, ihren Kindern eine bessere Bildung zu organisieren. Ein Teil scheitert jedoch an der eigenen Unwissenheit und der sozialen Undurchlässigkeit unseres Bildungssystems, mangelhaften eigenen Deutschkenntnisse und an anderen Faktoren. Für mich ist es deswegen sehr wichtig, dass der Staat und die Zivilgesellschaft Hand in Hand adäquate niedrigschwellige Angebote für die Eltern anbieten. Wo diese Hilfen angeboten werden, werden sie angenommen. Ich könnte Ihnen da viele Beispiele aufzählen.

Der Anteil der türkischen Mädchen bei der Hochschulreife im Vergleich zu den Jungen ist erfreulich hoch. Wir müssen alles tun, damit auch die Jungen stärker an Bildung partizipieren.

Wir brauchen in Deutschland eine Anerkennungs- und Willkommenskultur für Einwanderer. Dies wird auch bei den Einwanderern zu mehr Engagement und Teilhabe führen.

Mit freundlichen Grüßen

— Kenan Kolat, Bundesvorsitzender

der Türkischen Gemeinde in Deutschland

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